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Augenblicke einer Großstadt

20. Juni


Es ist so skurril. Ich sitze im Foyer unseres Hotels. Alles ist weiß. Die Wände, die Decken, die Säulen, der Fußboden. Letzterer glänzt sogar und in ihm spiegeln sich die Tische und Stühle wider, die natürlich auch in Weiß locker verteilt im Raum stehen. Allein die wenigen Bilder an den Wänden geben einen Kontrast, bringen aber eher Schwarz statt Farbe ins Foyer. Und zu guter Letzt bekomme ich eine weiße Tasse Kaffee.


Die Klimaanläge lässt mich vergessen, dass es draußen bereits über 30 Grad sind, das Personal ist überaus freundlich und ich fühle mich wohl hier, so früh am Morgen. Mit dem Rücken zur Wand schaue ich hinaus durch die breiten Fenster, die fast bis zum Boden reichen. Draußen sitzt ein Wachmann in einem grünen Overall und mit einem roten Basecap auf dem Kopf. Ein Funkgerät steckt fest in einer der beiden Brusttaschen. Ein anderer Wachmann hält die Eingangstür auf, sobald jemand rein- oder rausgeht.


Doch hinter diesen großen Scheiben befindet sich eine andere Welt. Alles ist farbig, verblasst durch Staub. Grün angemalte LKWs, deren Räder und gesamter Unterbau versandet rötlich schimmern. Männer in verschwitzten Klamotten tragen schwere Eisenteile herum, laden sie auf und andere ab. Jemand kommt mit einem Handy am Ohr angefahren und packt sich sein Moped voll. Mit was genau kann ich nicht erkennen. Schwer beladen und ohne jegliche Sicherung fährt er wieder weg. Ob das hält und nicht gleich wieder alles herunterfällt, frage ich mich kurz.


Direkt neben den LKWs steht ein altes Tankstellengebäude, zu erkennen an der Tanksäule, die wohl schon länger nicht in Betrieb war. Drumherum stehen Autos. Kreuz und quer. Neu aussehende, westliche, alte, verrostete, Minibusse, Tuktuks und Motorräder. Überall stehen und laufen Menschen herum. Laden Dinge ein, drücken sich Geld in die Hand oder stehen einfach nur da und rauchen. Es wirkt wie ein riesiger Umschlagplatz.


Der Boden ist geteert, aber komplett kaputt und mit großen Löchern versehen. Dreck und Staub, wohin ich schaue. Müll liegt herum, Plastiktrinkbecher, Tüten, alte, zerrissene Säcke.


Ein alter Mann humpelt zum Hotel und stellt sich vor die Eingangstür. In der Hand seinen Hut haltend schaut er bittend ins Innere zur Rezeption. Es ist seine einzige Hand, der ganze rechte Arm ist amputiert. Landmienen? Eine Mitarbeiterin geht zu ihm und legt ein paar Scheine in seinen Hut. Der alte Mann lächelt, nickt und humpelt weiter.


Umgeben ist der Platz draußen von mehrstöckigen Häusern, deren Fronten mit Balkonen überzogen sind. Fliesen und Putz sind entweder bereits abgefallen oder bröckeln vor sich hin. Hier und da sind Gitter an den Fenstern. Grüne Pflanzen wachsen aus den Wänden, haben sich in Spalten und Fugen über die Zeit festgesetzt. Überall hängt bunte Wäsche zum Trocknen im Wind, als wäre gerade heute der Waschtag für alle Bewohner. Vor den Häusern hängen unzählige Stromkabel, die in alle Himmelrichtungen laufen und sich nur an den kleinen Masten aus Metall treffen. Wer Strom benötigt, kann von der Straße aus einfach nach oben greifen und eine der Leitungen anzapfen. Gibt es deswegen hier so oft Stromausfall?


Die Ladengeschäfte der Häuser sind größtenteils zu Autowerkstätten umgebaut worden und reichen bis auf die Straße. Es werden Autos repariert, Auspuffe vom Rost befreit und auf dem Boden liegende Motoren zusammengeschraubt. In dem indischen, vegetarischen Supermarkt daneben verirren sich ein paar westliche Touristen und kommen mit vollen Tüten wieder heraus. Ein Sonnenbrillenverkäufer schlendert mit seinem Bauchladen über den Platz und hält Ausschau nach Kundschaft. Dahinter läuft ein kleiner Junge neben seinem Papa, der einen Bollerwagen mit halbverbranntem Holz hinter sich her zieht. Es ist ein wildes, geschäftiges Treiben.


Phnom Penh. Kambodscha. Draußen vor der Tür. Denn ich sitze weiterhin in meinem weißen, westlichen Glaspalast, geschützt vor Wärme und Dreck. Und fühle mich zunehmend unwohler dabei. Wie in einem Zoo gaffe ich durch die Scheibe und beobachte. Nur dass ich selbst im Käfig sitze. Ich muss raus. Öffne die Glastür und zünde mir eine Zigarette an. Schwül drückt mir sofort die Hitze auf den Kopf. Es riecht nach Abfällen und Motoröl. Neben mir dreht sich laut eine Metallsäge und sprüht Funken, während sie sich Stück für Stück durch eine Eisenstange quält.


Von der anderen Seite kommt ein kleiner, älterer Mann auf mich zu. Er trägt ein blaues Werbe-Shirt der Luxus Fluggesellschaft Emirates, lächelt mich über beide Ohren an und wünscht mir auf Englisch einen guten Morgen. Er scheint mich zu verwechseln und fragt, ob ich heute wieder mit seinem Tuktuk fahren möchte. Ich verneine. Er lächelt einfach weiter, als würden wir uns kennen. Ich sage ihm, dass wir heute zu Fuß durch die Stadt laufen möchten. Er bedankt sich höflich mit einem kleinen Knicks und verschwindet wieder. Ich drücke meine Zigarette in den weißen Aschenbecher, der auf dem kleinen weißen Tisch steht und gehe wieder rein. Wechsel erneut die Welten. Skurril.


Bisher haben wir noch nicht viel von Phnom Penh gesehen. Sind gestern ein wenig durch die Straßen geschlendert, haben die große Markthalle nebenan besucht, sind zum Wasser gelaufen und haben auf dem Nachtmarkt etwas gegessen. Doch die wenigen Stunden haben ausgereicht, dass wir mal wieder unseren Aufenthalt direkt verlängerten. Die ganze Atmosphäre hier ist ganz wunderbar. So warm und herzlich. Die Armut zeigt sich hier irgendwie anders. Es ist mehr das einfache Leben. Familien sitzen auf der Straße auf einem Tuch oder auf Matten im Kreis und essen zusammen aus einem Topf. Es ist dreckig und alles voller Müll, aber abends wird dieser zu großen Haufen zusammengekehrt und abtransportiert. Hat sich ein Auto zwischen den anderen verkeilt, kommen sofort Leute dazu und winken es wieder frei. Es ist alles ein Geben und Nehmen. Wirkt wie ein großes Ganzes. Alle sind entspannt und wirken glücklich und zufrieden. Man lacht ins Handy und lächelt uns an. Kleine Kinder begrüßen uns wieder mit einem lauten, kichernden „Hello!“. Beim Essen in einer der Garküchen kommt ein einheimischer Gast dazu, um zu dolmetschen. Einfach so.


Ein tolles Land, eine interessante Stadt. Warmherziger, hilfsbereiter und auch freundlicher sind die Menschen hier. Schwer zu glauben, aber wahr.

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