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Auf der faulen Haut haben wir die letzten Tage nicht gelegen. Viele, viele Kilometer sind wir durch Bangkok gelaufen und haben neue Ecken und Gegenden besucht. Heute ist dafür Ruhetag.

Ausgeschlafen, dennoch ein wenig müde und kaputt von den letzten Tagen, sitze ich wieder am kleinen Tisch im Frühstücksraum. Der Name lässt dabei ein völlig falsches Bild im Kopf entstehen. Eigentlich müsste es Garage oder Rumpelkammer heißen. Ein länglicher Raum mit allerlei Gerümpel. Tische und irgendwelche Metallgestelle stehen gestapelt herum oder lehnen gegen die große Holzanrichte, die mit Gläsern, Flaschen, alten Lebensmitteln und buddhistischen Schüsseln gefüllt ist. Dazwischen eine Leiter, ein Gartenschlauch, eine Rigipsplatte und Dämmmatten. Ein paar wenige Tische stehen zusammengewürfelt mit alten Ledersesseln und abgenutzten Holzstühlen an einer Wand und bieten die einzige Möglichkeit platz zu nehmen.

Das Frühstück steht auf einem Tischchen mit einer Plastiktischdecke. Kaffeepulver, Kakao, Zucker, Milchpulver, eine Kaffeepumpkanne mit heißem Wasser, ein Toaster, eine Packung Toastbrot und ein Glas Marmelade. Das Brot schmiert man sich mit einem Plastikmesser, gegessen wird von einem Pappteller und getrunken aus weißen Einweg-To-Go-Bechern. Manchmal sind diese auch mit Muster bedruckt, je nach dem welche es gerade günstig zu kaufen gab. Ja es schreit förmlich nach einer schlechten Bewertung im Internet. Doch zum Einen ist das Hotel auf keiner Hotelbuchungsplattform gelistet und zum anderen fühlen wir uns trotzdem sehr wohl. Denn der Preis für die Übernachtung ist einfach unschlagbar, die Zimmer frisch renoviert und das Frühstück gratis und eigentlich nicht im Zimmerpreis enthalten.

Aber zurück zu unseren Unternehmungen. Täglich ein Ziel haben wir uns vorgenommen. Oft kam ein weiteres hinzu. So sind wir z.B. die gut sieben Kilometer ins Schwulenviertel, nahe des Lumphini Parks gelaufen. Wir wollten es noch einmal probieren, auch wenn wir die Szene generell ja eher meiden.

Es war ein ganz schöner Spaziergang und auch die Gegend im Süden der City war ein Besuch wert. Die Straßen waren voller Geschäfte und luden zum Bummeln ein. Hier und da ein Einkaufszentrum, viele Garküchen, Verkaufsstände und natürlich Bars, Restaurants und Cafés. Wir bogen in eine Gasse ein und befanden uns an unserem Ziel. Rechts und links war die kurze, enge Straße gesäumt von Kneipen und Massagestudios. Muskulöse junge Männer saßen in engen, figurbetonten Klamotten auf Bänken, spielten auf ihren Handys und warteten auf Kundschaft. Daneben in einer offenen Bar saßen ein paar ältere, untersetzte, europäisch aussehende Männer an Tischen, den Blick zur Straße gerichtet, um die ankommenden Gäste zu beobachten. Es lebe das Klischee.

Wir setzten uns an einen Tresen, ebenfalls mit Blick zur Straße und bestellten uns ein Bier für den 10fachen Preis als es im Supermarkt um die Ecke gekostet hätte. Und guckten. In die Luft und auf den Straßenbelag. Denn es war nichts los. Wir waren mal wieder viel zu früh. Es war vielleicht halb neun abends, die erste GoGo-Show begann um zehn. Während auf der Hauptstraße das Leben tobte, verirrte sich ins Gässchen kaum jemand. Die Angestellten genossen ihr Abendessen, welches sie sich von einer der Garküchen holten oder standen gelangweilt hinter ihren Tresen. Naja, es war ein Versuch wert. Wir verschwanden bevor es überhaupt losging. Unser Tagesrhythmus war eben ein anderer. Wir stehen lieber früh auf, statt uns die Nacht um die Ohren zu schlagen.

Eigentlich waren wir zu geschafft nach dem langen Fußmarsch, dennoch liefen wir erneut zu Fuß in Richtung Hotel, um noch etwas mehr von der Umgebung zu erleben. Und irgendwann waren wir so weit, dass wir beschlossen, auch den Rest des Weges zu laufen. Und so kamen wir völlig fertig mit schmerzenden Waden im Hotel an und ließen uns auf unsere Brettharten Matratzen fallen.

Einen anderen Tag wollten wir mit der Fähre ganz in den Norden zur Insel Ko Kret fahren. Leider haben wir nach einer halben Stunde Warten am Fähranleger herausgefunden, dass diese Fähre morgens nur zwischen sechs und acht nach Norden fährt. Wir waren also zu spät. Und da die Fahrt mit dem Bus uns zu lange gedauert hätte, spazierten wir vom Flussufer in Richtung Osten, denn dort hatten wir auf dem Weg ins Schwulenviertel einen Markt entdeckt. Wieder liefen wir durch die ganze Innenstadt und leider entpuppte sich der Markt als ein Reinfall. Denn es gab lediglich Klamotten und größtenteils welche für Kinder. Aber gut zu wissen,wir waren zumindest dort gewesen und hatten einen weiteren schönen Stadtspaziergang. Stück für Stück entdeckten wir Bangkok.

Am 6. Dezember fand der große „Bike for Dad“-Tag statt. Alle Thailänder holten erneut ihre gelben Shirts aus dem Schrank und schwangen sich zudem auf ein Fahrrad. Wo auch immer die vielen Fahrräder herkamen, sieht man diese sonst im Alltag doch eher selten auf der Straße. Aber an diesem Freitag war die komplette Innenstadt voll. „Bike for Dad“ wurde vom Prinzen initiiert und ganz Thailand folgte dem Brauch. Auch Berlin war mit dabei. Über die großen, am Straßenrand aufgebauten Leinwände sahen wir Bilder aus der ganzen Welt. Menschen, die sich der Aktion anschlossen und mit Fahrrädern gemeinsam ihre Runden drehten. Woher auch immer sie diese gelben Shirts hatten. Gab es sie auch in Berlin zu kaufen? Eine Gruppe Fahrradfahrer fuhr am Brandenburger Tor und Reichstag vorbei. Für uns ganz toll zu sehen. Nächstes Jahr fahren wir in Berlin mit.

Wir suchten uns ein freies Fleckchen an einer der großen Straßenkreuzungen. Offiziell sollte es 15 Uhr losgehen. Bereits halb Zwei waren tausende Fahrradfahrer auf der Straße. Ganz Bangkok versammelte sich. Es war gigantisch. Und dazu erneut diese Ruhe. In Deutschland wäre es eine riesen Party. Hier aber gab es keine Musik und kein Gegröle. Es war ruhig. Fast zu ruhig. Wir hörten die Vögel! Die Stimmung war mal wieder einzigartig. Unbeschreiblich.

Irgendwann sprach uns ein Mann an, es war bereits 15.30 Uhr und unsere Rücken taten uns vom Warten schon weh. Er sagte uns, dass alle auf den Pin warten. Den Pin? Wir fragten nochmal nach und erhielten die gleiche Aussage. Später rafften wir es dann. Mit Pin ist der Prinz gemeint. Da die Thailänder das R nicht sprechen und auch mit den Zischlauten Probleme haben, kommt statt „Prince“ halt „Pin“ raus. Herrlich! Es ist einfach ein so bezauberndes Völkchen. Also warteten wir alle gemeinsam auf den Pin, der dann irgendwann tatsächlich mit einem Fahrrad aus dem Palast gefahren kam. Wir verfolgten ihn auf einer der aufgestellten Videoleinwände.

Doch das Warten ging weiter. Überall fuhren Ordner und Polizisten umher und hielten die Masse in Schacht, dass nicht jemand zu früh losfahren würde. Es war alles organisiert. Polizisten nutzten die Chance, sich vor den Fahrradfahrern abzulichten, gaben ihr Handy Passanten, posierten mit strengem Blick und ließen sich auf ihren eigenen Handys ablichten. Mal allein, mal neben ihrem Polizeimotorrad. Herrliche Bilder.

Gegen 16.30 Uhr setzte sich der Fahrradzug nach weit über drei Stunden des Wartens langsam in Bewegung.  Kurz darauf verließen wir die Kreuzung und liefen mitten auf der Straße zurück zum Hotel, denn sie waren ja alle für den Autoverkehr abgesperrt. Überall waren Fahrradfahrer zu sehen. Selbst auf der Straße vor unserem Hotel waren sie versammelt und warteten auf ihre Abfahrt. Wir hätten also gar nicht weit laufen müssen, um den Zug zu sehen. Und erst als wir an einer Garküche unsere Suppen ausgelöffelt hatten, fuhren sie auch bei uns im Viertel los. Die Fahrer jubelten vor Freude. Inzwischen war die Sonne bereits untergegangen. Keine Ahnung wann der letzte Fahrer das Ziel der Strecke erreicht hatte. Ein Tag es Wartens. Für alle. Aber unheimlich beeindruckend. Und wieder alles zuliebe des Königs. Wie sehen eigentlich die Feierlichkeiten zu Frau Merkels Geburtstag aus?

Dann haben wir Marc getroffen. Ein ehemaliger Stammgast des café sellbergs. Unser vierter Besuch aus Deutschland. Wir gingen mit ihm auf den Golden Mountain, dem Tempel oben auf einem Berg gebaut, den wir bereits mit Katja vor ein paar Monaten besucht hatten. Dieser Ausblick ist einfach zu schön. Die Skyline der Hochhäuser und dazwischen das Funkeln der goldenen Dächer der Tempel. Bangkok. Wir können es nicht oft genug sagen, es ist einfach unsere Stadt.

Wir schlenderten umher, aßen an einer der zahlreichen Garküchen und ließen uns dann irgendwann auf einer Restaurantterrasse nieder und quatschten. Schmiedeten Pläne für die nächsten Tage und zogen erneut gemeinsam los. Fuhren mit einem der schmalen Fährboote durch die Klongs, die schmalen Wasserkanäle. Besuchten das Jim Thompson Haus, was ganz nett war, aber doch eher eine Touristenattraktion. Wir fuhren in den Osten zur Sukhumvit Road, in den Stadtteil der teuren Hotels, Hochhäuser und Einkaufszentren. Wanderten durch Luxuskaufhäuser und vorbei an Schaufenster in denen die neuesten Kollektionen von Prada und Chanel ausgestellt waren. Auch das ist Bangkok und mal schön zu sehen. Denn auch dort vermischte sich das Leben der Touristen mit dem der Einheimischen. Garküchen lösten Luxussupermärkte ab. Für jeden war etwas dabei. Und durchzogen war dieser Stadtteil von massiven Betonwegen auf mehreren Ebenen. Straßen, Gehwege und Trassen der Bahn kreuzten sich hoch oben. Ein wahres Verkehrswirrwarr über unseren Köpfen.

Gestern dann fuhren wir in den Norden zur Einwanderungsbehörde, während Marc einen Ausflug nach Ayutthaya machte. Wir mussten unser Visum verlängern, da wir ja fünf Tage früher als geplant in Thailand eingereist sind und nur eine Aufenthaltsgenehmigung von einen Monat bekamen. Und siehe da, es war eigentlich alles ganz unkompliziert. An einem Schalter bekamen wir die Formulare zum Ausfüllen, mussten eine Etage tiefer in den Copyshop, um unsere Visa und Ausweise zu kopieren, bekamen eine Wartenummer und wenig später auch schon unsere Verlängerung bis Mitte Januar. Alles organisiert wie in Deutschland, allerdings mit einer großen Portion ansteckender Freundlichkeit serviert. Klasse. Mittags verließen wir dann das riesige Gebäude und fuhren mit dem Bus zur Insel Ko Kret, da wir eh in der Nähe waren.

Ko Kret wird als Künstlerinsel beschrieben. Ein Fleckchen Natur, welches den in Bangkok lebenden Bewohnern Ruhe und Erholung bietet. Wo man Handwerkern bei Tonarbeiten zuschauen und günstig Töpferwaren kaufen kann. Doch was wir vorfanden war leider alles andere. Fast alle Ständen waren leer, Werkstätten waren verlassen, Cafés geschlossen. Und auch die Natur war nicht so idyllisch wie gedacht. Die ganze Insel war eine einzige Moorlandschaft und die Häuser auf Stelzen gebaut. Ein Rundweg führte um die Insel und bestand aus einem kilometerlangen Betonsteg.

Vielleicht ist es am Wochenende anders. Wenn die Töpferwaren zum Verkauf angeboten werden und die Werkstätte als Showroom dienen. Wenn die kleinen Cafés auf dem Weg geöffnet haben und man sich unterwegs ein kühles Getränk gönnen kann. Allerdings kann ich es mir auch nicht vorstellen, mit Hunderten von Menschen auf den schmalen Betonstreifen entlangzulaufen. Schön ist für uns irgendwie anders. Aber auch hier waren wir zumindest da gewesen. Und zugegeben, der Blick auf die Flusslandschaft war dann doch etwas eindrucksvoll und erinnerte uns ein wenig ans Mekongdelta in Vietnam.

Heute ist nun Ruhetag bei uns. Einen Tag Erholung. Vielleicht gehen wir später noch zur Massage, auf jeden Fall wollen wir zum Schneider. Denn nächstes Jahr steht in unserem Freundeskreis eine Hochzeit an. Zudem wäre eine Winterjacke ja nicht verkehrt, obwohl es in Berlin für die dortigen Verhältnisse mit über 10°C recht warm über Weihnachten werden soll. Ansonsten werden wir heute mal nichts tun. Unsere Seelen baumeln lassen. Morgen dann treffen wir uns wieder mit Marc und besuchen vielleicht eine der vielen Skybars. Mal sehen. Jetzt gibt’s erstmal Frühstück. Toast mit Marmelade und Kaffee.

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