Wohin mit mir?

Wohin mit mir?

Seit Tagen befinde ich mich in einem Zwischenraum. Nicht hier und nicht dort. Ich kann nichts mehr mit mir anfangen. Bin lustlos und träge, aber auch voller Tatendrang und auf dem Sprung.

Was ist das? Was ist mit mir los? Ich wache schlecht gelaunt auf, zicke herum und bin wahnsinnig unzufrieden. Mit mir selbst. Versuche es zu analysieren: Woher kommt dieses Gefühl? Was ist das überhaupt für ein Gefühl? Und wie kann ich es ändern?

Mir fehlt die Herausforderung. Eine Aufgabe. Ich möchte etwas tun, bin aber zu träge. Die Begeisterung ist verschwunden. Bei unserer Fahrradtour auf den 4000 Inseln ist sie noch mal kurz aufgeblitzt, hat sich seit dem aber völlig verabschiedet. Die schöne Landschaft um mich herum ist da. Und ich weiß, dass sie wunderschön ist, aber sie ist einfach nur da. Berührt mich nicht. Die Garküchen sind Gewohnheit, dass Essen mir inzwischen zu monoton. Gebratener Reise mit Gemüse. Gebratene Nudeln mit Gemüse. Nudelsuppe oder Reissuppe. Ich kann es nicht mehr sehen. Habe aber auf Pizza oder Pommes auch keinen Appetit. Mir fehlt das Obst. Ich könnte es am Stand kaufen und mit unserem kleinen Taschenmesser versuchen zu schälen und in Stücke zu schneiden. Doch dazu bin ich zu faul. War ich in Deutschland schon. Das war das tolle in Thailand. An jeder Ecke gab es fertig geschnittene Mangos, Wassermelonen, Äpfel und Papaya. Mit einem kleinen Holzspieß zum sofortigen Verzehr.

Thailand. Wenn ich mich etwas über meinen Tisch beuge, kann ich zwischen den Häusern ganz hinten ein Watt sehen. Es steht auf der anderen Seite des Mekong. In Thailand. Ein Katzensprung von hier. Gestern waren wir am Fluss spazieren und haben immer wieder rüber geguckt. Dort drüben wirkt alles so lebendig. Die alten Bilder und Erinnerungen kamen hoch. Wie schön waren die ersten Monate unserer Reise. Neugierig erfreuten wir uns an allem Neuen. Überall gab es etwas zu entdecken. Und sei es auch nur das Lächeln der Bewohner. Das Essen fehlt mir. Die Frische. Die Supermärkte, die es in jedem noch so kleinen Kaff gab. Die Auswahl an Unterkünften. Es war alles so aufregend. So toll.

Doch war es das wirklich? Immer? Wird es noch genauso sein, wenn wir wieder über die Grenze fahren? Oder ist es im Grunde ähnlich wie hier in Laos und inzwischen Alltag, nicht mehr neu, nicht mehr aufregend? Vielleicht projiziere ich auch nur alles Gute in dieses Land hinein? Würden meine Augen wirklich wieder leuchten?

Ich weiß es nicht und hänge mit tausend Fragen im Kopf wieder in diesem Nichts herum. Muss etwas ändern. Oder aushalten? Ist es jetzt meine Aufgabe, einfach auszuhalten? Mich dazu zu zwingen, treiben zu lassen? Was mir anfangs noch so einfach fiel, fühlt sich inzwischen an wie eine Qual. Eine riesige Langeweile. Nein, ich will diese Aufgabe nicht meistern. Warum auch? Sind wir auf Reisen gegangen um zu lernen? Nicht wirklich. Aber um zu entdecken. Die Länder und uns selbst. Und diese gerade an mir entdeckte Seite gefällt mir nicht. Ich möchte aus diesem Zustand wieder raus. Muss etwas tun. Mich bewegen.

Das Wetter lädt leider nicht zum Spazieren ein. Die kurzen Regenpausen haben wir genutzt und sind herumgelaufen. In Gegenden, die von Touristen gemieden werden. Eine Gruppe Mönche auf Fahrrädern grüßte uns freundlich. Kinder winkten uns zu, Bewohner lächelten uns an. Ein idyllisches Städtchen, dieses Thakhek. Auch unser Hotel ist eigentlich wunderschön. Gehobener Service, stilvoll eingerichtete Zimmer, wenn auch etwas klein. Aber das war es auch, was die Stadt zu bieten hat. Eine einzige Tour wird angeboten. Zu den vielen Höhlen der Umgebung. Für 1,5 Millionen Kip. Etwa 179 Euro. Das ist mehr, als wir für vier ganze Tage budgetiert haben. Woher kommen diese immensen Preisunterschiede?

Wir schlafen in einem der teuersten Hotels der Stadt für 20 Euro. Inklusive Frühstück. Wir gehen abends in einem Restaurant für unter drei Euro Essen. Inklusive Getränke. Wir fuhren 350 Kilometer mit dem Bus von Paksé hier her und haben gut zehn Euro pro Person bezahlt. Wieso kosten nur diese Ausflüge so irrsinnig viel Geld? Liegt es an der Nebensaison? An den felenden Alternativen?

Wir sind zu geizig dafür, so viel Geld für einen einzigen Ausflug auszugeben, der uns dann eventuell nicht mal richtig begeistert. Aber was ist die Alternative? Wir könnten uns ein Moped mieten und die Tour selbst fahren. Über 200 Kilometer. Aber wir können uns dazu nicht aufraffen. Ist das unser Problem? Mein Problem? Die Trägheit? Letztendlich sind wir jedoch beide froh darüber, weder die Tour gebucht, noch ein Moped ausgeliehen zu haben. Der Regen hätte uns beides verdorben. Vielleicht auch ein Grund? Das Wetter? Der Regen? Schlägt mir das auf’s Gemüt?

Nach vielen Gesprächen und immer mehr auftauchenden Fragen haben wir gemeinsam beschlossen etwas zu ändern. Nach Hause fahren? Zurück nach Deutschland? Es wäre zu schade. Aber noch zwei Monate oder länger schlecht gelaunt umherreisen kann es auch nicht sein.

Eine Pause einlegen? Irgendwohin fliegen und eine Woche mal etwas anderes sehen? Eine andere Kultur besuchen? Raus aus Asien? Aber wohin? Wir haben nach halbwegs bezahlbaren Flügen geguckt, aber Australien, Malediven oder Europa würden unser Budget sprengen.

Zurück nach Thailand? In der Hoffnung, dass unser altes Gefühl wieder kommt? Auf nach Bangkok, wo alles begann? In eine Großstadt mit Trubel, Ablenkung und tausend Möglichkeiten etwas zu tun? Wäre doch einen Versuch wert, oder?

Wir haben uns für einen Plan entschieden. Planlos reisen war gestern. Was sind die Orte, die wir in Laos unbedingt noch sehen möchten? Zugegeben, es sind nicht so viele. Die Hauptstadt und zwei andere, glücklicher Weise auf einer Route liegend und nicht so wahnsinnig weit entfernt von einander. Denn das Reisen hier in Laos strengt uns an. Aus geplanten fünf Stunden Busfahrt hierher wurden über zehn. In einem Bus, der das Wort Komfort noch nie gesehen hat. Wir waren froh, überhaupt ein Polster unter unseren Gesäßen gehabt zu haben. Andere hatten nicht dieses Glück.

Also auf in die Hauptstadt von Laos, dann nach Vang Vieng und weiter nach Luang Prabang. Von dort aus entweder direkt nach Bangkok mit dem Flugzeug, nach Houay Xay mit einem Boot, um mal etwas anderes zu erleben, oder wir haben unsere Freude wieder gefunden und fahren mit dem Bus weiter nach Muang Xay und über zwei andere Städte Richtung Thailandgrenze. Dazu haben wir unser Tagesbudget erhöht. Lieber kürzer und zufrieden reisen, als günstig und gequält.

Damit haben wir nun drei Möglichkeiten, die wir je nach Situation, Laune und Zustand wählen können. Das Ziel bei allen ist auf jeden Fall Thailand. Zurück nach Bangkok. Dann wird neu entschieden. Nach Vietnam, nach Deutschland oder ganz woanders hin.

 

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2 Comments

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  1. Steffi aus dem Dach

    25. August 2015 — 22:19

    Hab mich nach langer Zeit mal wieder in Euer Leben hineingelesen… ja, die unerträgliche Leichtigkeit des Seins! Das meine ich ganz ernst und kein bisschen spöttisch…
    Du schreibst toll, Felix… bin wieder ganz gefangen und fühle mich, als wäre ich selbst mitten drin im Geschehen ?
    Liebe Grüße aus der Sonntagstraße 29, wo in Kürze rechts vom Hauseingang ein kleiner Bäcker, wahrscheinlich auch mit Café, eröffnet… ?

    • Markus & Felix

      30. August 2015 — 6:36

      Hallo Steffi,

      schön von dir zu hören! Und danke für das Kompliment. Momentan genießen wir mal wieder diese Leichtigkeit des Seins. Mal klappt es, mal nicht so ganz. Aber so ist das Leben halt. Wir hoffen dir geht’s gut, euch allen! Und wir sind auch gespannt, wenn wir irgendwann mal wieder zurück sind, in der Sonntagstraße. Scheint sich ja einiges zu tun dort. Vielleicht kommen wir dann ja sogar mit der Straßenbahn direkt vor die Tür gefahren 😉

      Markus & Felix

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