Flexibel bleiben. Nicht aufregen. Wir können es eh nicht ändern. Jaja. Gar nicht immer so einfach. So tief verwurzelt stecken die Muster in uns drin. Pünktlichkeit. Perfektion. Zuverlässigkeit. Diese Dinge hatten wir schon immer in uns und haben sie mit unserem Café sogar noch weiter perfektioniert. Hier allerdings versuchen wir sie uns abzutrainieren.

Es war etwas kompliziert ein Tourbüro zu finden, welches uns ein Busticket nach Buon Ma Thuot verkauft. Die Stadt liegt im Landesinneren, fern der Route der Touristen, die am Meer entlang Richtung Süden führt. Doch wir haben es geschafft und uns wurden zwei Plätze im Localbus gebucht. Heute. 9.15 Uhr. Doch als wir wie vereinbart 8.30 Uhr am Büro ankamen, entglitt dem Verkäufer kurzzeitig das Gesicht. Ach Mist, das habe ich ja ganz vergessen, stand in großen Buchstaben auf seiner Stirn geschrieben. Ein kurzes Telefonat und dann kam er zu uns. Unser Bus fällt aus, der davor 8.30 Uhr ist schon losgefahren, der nächste fährt erst gegen 13 Uhr. Es tue ihm Leid, ob wir nicht warten wollen. Hmmm. Was sollen wir auch anderes machen? Klar warten wir. Sitzen gerade in einem Kaffee um die Ecke. Und warten und warten. Und es ist eigentlich ja auch gar nicht so schlimm, denn wir haben ja nichts geplant, nichts vor, also Zeit. Und dennoch wurmt es uns. Weil wir mitbekommen haben, dass er es verschusselt hat. Und plopp, sind wir in unseren alten Mustern. “Richtung Sonne gucken und eine Minute lächeln“, hat mir mal jemand für solche Situationen geraten. Und es funktioniert. Man kann sein Gehirn überlisten. Trotzdem ärgerlich. So.

Also sind wir gefangen. Übertrieben gesagt. Gefangen in der russischen Stadt. Denn hier ist mindestens genau so viel russisch wie vietnamesisch. Oft stehen die Bezeichnungen der Läden oder der Gerichte in den Menükarten erst auf russisch, dann, wenn überhaupt, auf vietnamesisch und englisch. Im Supermarkt gibt es die russische Aljonka Schokolade. Viele Läden hier gehören sogar Russen. Und sie tummeln sich überall herum und präsentieren ihr Klischee. “Meister, mehr Brot“, rief gestern einer vom Nachbartisch zum Kellner. Auf Russisch. Als er es bekam, hörte ich nur ein “lecker!“ Ich war neugierig, was er sich bestellt hatte, denn wir waren noch am Aussuchen. Spaghetti mit Tomatensoße. Ahja.

Sie machen sich leider keine Mühe, zumindest zwei drei Worte auf Vietnamesisch oder zumindest Englisch zu sagen. Doch sie werden hier verstanden. Viele der Angestellte sprechen Russisch. Auch wir wurden oft auf Russisch angesprochen. „Guten Tag“, „Schmeckt es Ihnen?“ oder „Danke“. Herrje.

Ich habe ein Jahr in Russland gelebt, habe das Land und die Menschen in Moskau und auch Sibirien kennen gelernt. Es war eine tolle Zeit. Aber ich war froh, wieder in Deutschland zurück zu sein. Denn das Klischee stimmt halt doch ganz oft. Doch es geht nicht nur um die Russen. Wäre hier alles Deutsch, ich würde es genauso empfinden. Schließlich sind wir in Vietnam, nicht in Russland, nicht in Deutschland und auch nicht in China. Zugegeben, ich habe mich da etwas hinein gesteigert. Aber ich möchte hier einfach nicht auf Russisch blinkende Schilder wie Apotheke, Exkursionsoffice, Kaffee, Fruchtmarkt oder sonstiges lesen.

So, jetzt ist genug gemeckert. Zu dumm, dass uns der gerade bestellte Kaffee auch nicht schmeckt. Wo ist die Sonne? Ah, dort. Und jetzt lächeln. Alles ganz asiatisch weglächeln. Ja, schon besser.

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