Vertrackter Inselurlaub auf Tioman

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Von Johor Bahru sind wir mit dem Bus an die Ostküste nach Mersing gefahren. Irgendwann habe ich die Augen zu gemacht, denn außer Palmen war nichts zu sehen. Eigentlich liebe ich es, von einem Ort zu einem anderen zu fahren, denn unterwegs sieht man so viel mehr vom einheimischen Leben und der Landschaft des jeweiligen Landes. Malaysia scheint allerdings ein einziges Palmenfeld zu sein. Zumindest im Süden. Keine schönen Dörfer, idyllische Ecken und spielenden Kinder. Nichts als gut ausgebaute Straßen, hinein gemeißelt in endlose Palmenlandschaften.

Noch trostloser allerdings war Mersing. Ein kleiner Ort, von dem aus die Fähren zur Insel Tioman starteten. Zwischenstopp also für viele Urlauber. Doch zu bieten hatte die Kleinstadt nichts. Kein hübsches Café, dafür belanglose Handy- und Schuhläden, zwei Billigsupermärkte in denen alles zwei Ringgit kostete, ein paar schlechte Hotels und einen Busbahnhof. Selbst die Fischboote lagen stumm im Wasser, steckten halb im Sand fest und schienen schon seit Ewigkeiten nicht mehr bewegt worden zu sein. Ein wirkliches Trauerspiel mit einem großen Kentucky Fried Chicken in der Mitte. Der zumindest hatte einigermaßen gutes Internet, weswegen wir uns tatsächlich zwei Mal hinein begaben.

Unser Hotel war eine heruntergekommene Bruchbude und erinnerte etwas an ein abgewohntes Schullandheim. Grellbeleuchtete Gänge mit Türen rechts und links, hinter denen sich kleine Kammern mit einem Bett und einem von Wasser aufgequollenen, abgenutzten Tisch befanden. Das Fenster ging nicht mehr zu schließen und der Vorhang sah wie ein gebrauchter Stofffetzen aus, erfüllte jedoch seinen Zweck.

Normaler Weise wären wir direkt mit der Fähre weiter gefahren, doch wir hatten eine Verabredung. Micha aus Berlin hatte sich angekündigt. Unser zweiter Besuch auf unserer Reise. Er kam morgens halb zwei mit dem Bus aus Kuala Lumpur an. Also stellten wir uns einen Wecker und stiefelten zum Bahnhof um ihn abzuholen. Doch es war keiner da. Wir hatten ihn verpasst. Liefen zurück, warteten und entdeckten ihn irgendwann aus der entgegengesetzten Richtung kommend im entfernten Schein der Laternen. Er hatte sich verlaufen. War zu weit gegangen. An unserem Hotel vorbei Richtung Fähre. Aber wir haben uns gefunden. Feierten kurz ein Wiedersehen auf der menschenleeren Straße und gingen mit ihm auf unser Zimmer. Nach dem langen Flug und der darauffolgenden Busfahrt war Micha so müde, dass er sich direkt ins Bett legte und einschlief. Wir dagegen waren wach und beschlossen raus zu gehen. Den Sonnenaufgang zu beobachten und uns die Zeit draußen zu vertreiben. Gar nicht so einfach in solch einer Kleinstadt. Aber machbar. Später checkten wir aus, begaben uns zur Fähre und fuhren zu dritt auf die Insel.

Da unser Hotel eines der wenigen auf der gegenüberliegenden Inselküste war, brauchten wir ein Taxi. Mit zwei anderen Reisenden stiegen wir also in einen Jeep. Wir drei vorn, die anderen beiden auf der Ladefläche bei unserem Gepäck. Es ging über enge Kurven steil nach oben. Zu steil nach oben. Denn aus dem Armaturenbrett hinter dem Lenkrad stieg immer mehr Rauch auf. Unser Fahrer stoppte das Fahrzeug, es knallte kurz und wir waren umgeben von einer Wolke, die plötzlich aus der Motorhaube hervorquoll. Das war wohl der Kühler. Nichts ging mehr. Wir mussten auf ein neues Fahrzeug warten. Was irgendwann auch kam. Sogar gleich zwei. Wir drei fuhren mit dem ersten weiter, die anderen beiden mit dem zweiten. Allerdings fuhren wir keine hundert Meter, da fiel der rechte Außenspiegel ab. Wir hielten erneut. Warteten wieder und stiegen ein weiteres Mal um. Diesmal in ein Auto, welches anscheinend besser in Schuss war. Unser neuer Fahrer nutzte die Kraft des Motors und wir fuhren im Eiltempo die Serpentinen hinauf und wieder runter. Glücklicher Weise war der Weg nicht allzu lang und unser Frühstück nicht allzu mächtig.

Irgendwann kamen wir dann doch endlich in unserem Hotel an. Ein paar Bungalows standen sich gegenüber, zwei waren sogar zum Meer ausgerichtet. Uns wurde einer der letzten angeboten. Beste Lage, perfekter Blick. Nur das Innenleben ließ zu Wünschen übrig. Keinerlei Ablagemöglichkeit, schwarz gestrichene Wände und eine eingetretene, durchgebrochene Plastikschiebetür zum Bad. Mal wieder hatten uns die Hochglanzbilder im Internet bei der Hotelauswahl getäuscht. Aber die Aussicht war toll.

Gebucht hatten wir ein Dreibettzimmer. Auf dem dazugehörigen Bild im Internet waren drei Einzelbetten zu sehen. Doch wir bekamen zwei dieser Betten und eine abgeranzte Hello Kitty Matratze. Es hat nicht sollen sein. Endlose Diskussionen mit dem Personal begannen. Denn auf dem schwarz lackierten Boden wollte niemand von uns schlafen. Zudem war der Zimmerpreis zu hoch, um solche Kompromisse einzugehen.

Es ging hin und her. Die eine Frau diskutierte mit uns, eine andere mischte sich ein. Man schlug uns vor, einen zweiten Bungalow zu nehmen, sogar mit Rabatt, dennoch viel zu teuer und eigentlich wollten wir einfach nur unser gebuchtes Zimmer zum gebuchten Preis haben. Also ließen wir nicht locker. Irgendwann dann sprachen wir mit dem Besitzer der Anlage, der die glorreiche Idee hatte, ein Bett aus einem der anderen Bungalows einfach bei uns mit rein zu stellen. Ja, so einfach ist es manchmal. Und nach kurzer Zeit saßen wir dann auch endlich wie gewünscht in unserem Drei-Bett-Bungalow.

Leider mussten wir feststellen, dass auch alles andere in dieser Hotelanlage nervig war. Es wurde alles falsch gemacht, was man nur hätte falsch machen können. Aber es geht einfach nichts über diese wunderschöne Aussicht…

Bis auf ein bis zwei Bungalows war die Anlage leer. Es war Nebensaison. Monsunzeit. Die erste Nacht brach ein, da erklang auf einmal laute Musik von der Restaurantterrasse neben uns. Westliche Musik. Nirvana & Co. Immer und immer wieder die gleiche Playlist, die gleichen Lieder. Und zwar so laut, dass wir selbst mit Ohrstöpsel mitsingen konnten. Das merkwürdige war, dass niemand auf dieser Terrasse war. Sie war leer. Und es wurde immer später. Irgendwann stand Micha auf, ging rüber zum dort stehenden Laptop und pegelte das Volumen bei Itunes herunter. Wie lange die Musik in gesitteter Lautstärke noch lief wissen wir nicht. Wir sind dann irgendwann eingeschlafen.

Frühstück sollte es ab 9 Uhr geben. Für uns eher spät, aber kein Problem. So saßen wir kurz nach Neun an einem der dreckigen Tische und warteten. Und warteten. Und warteten. Niemand ließ sich blicken. Keiner wuselte herum, die Rezeption war leer. 9.50 Uhr entschieden wir uns dann in eines der anderen Hotels essen zu gehen. Wir waren bereits arg genervt und schüttelten nur die Köpfe. Geld verdienen wollte man mit uns also nicht, denn das Frühstück war nicht im Zimmerpreis enthalten. Oder ist es wieder eine andere Kultur? Sind die Malaien noch entspannter als alle anderen Völker in Südostasien?

Wir fanden etwas weiter entfernt ein schickes Resort mit einer kleinen leckeren Frühstückskarte. Fortan starteten wir dort unseren Tag mit Rührei, Bohnen, einem Toast und etwas Obst. Straßenstände suchten wir vergebens. Entweder lag es an der Saison oder an der weniger touristischen Seite der Insel. So beließen wir es bei European Food.

Es war auch sonst nicht viel los auf der Insel. Ohne Auto oder Taxi kamen wir nicht raus aus unserem Ort. So liefen wir ab und an die Küste entlang zum Supermarkt, der aus einer Bretterbude bestand und das nötigste wie Wasser und Grundnahrungsmittel verkaufte. Und er hatte Eis. Genau eine Sorte. Grüner Tee mit einem Kitkat in der Mitte. Eis geht halt immer.

Micha wollte eigentlich einen Tauchgang buchen. Doch der Diver in unserem Hotel hatte offenbar keine Lust. Herrje. Sind wir inzwischen so vermeckert geworden und stören uns an sämtlichen Kleinigkeiten? Erwarteten wir zu viel? Oder war es einfach nur ein verdammt schlecht geführtes Hotel?

Zum Tauchen hätte sich Micha also auf die andere Seite der Insel fahren lassen müssen, um dort in einem Büro überhaupt nach einer Möglichkeit zu fragen. 30 Ringgit, also etwa 6,50 € kostete eine einfache Fahrt für die etwa 7 Kilometer. Und zwar pro Person. Für dieses Geld sind wir schon hunderte Kilometer von einem zum anderen Ort gefahren. Dazu die Zwischenfälle der Fahrt von der Fähre zu unserem Hotel im Hinterkopf. Wir beließen es also beim Schnorcheln an unserem Strand. Direkt vor dem Bungalow. Der mit der herrlichen Aussicht. Und ehrlich gesagt war es für mich auch völlig ausreichend, denn es gab ein paar schöne Riffe in Schwimmweite. Steinformationen, die mit Korallen übersät waren. Ein kleines Highlight, denn sogar eine Schildkröte konnten wir sichten und sie bei ihrem Spaziergang durchs Wasser begleiten. Ach das war toll. Ich liebe diese Tiere im Wasser. Neben kleinen Nemos und bunten Fischen verirrten sich sogar ein paar Rochen an den Strand. Da Markus beim Schnorcheln auf den Malediven aber bereits Bekanntschaft mit einem Stachel gemacht hat und dicke, rote Streifen auf dem Unterarm davontrug, hatte ich ein wenig Respekt und ließ sie vorbei ziehen, statt ihnen zu folgen. Trotzdem waren es tolle Momente, auch wenn die Vielfalt nicht mit der der Malediven oder Ägypten zu vergleichen war. Das Schöne war die Überraschung, überhaupt Korallen und Fische entdeckt zu haben. So direkt vor der Tür.

Ein weiteres Highlight war eine Entdeckung. Eines Tages zogen dicke Wolken vom Wasser heran. Da beobachtete ich am Horizont eine Windrose. Wie in einer der zahlreichen Naturdokumentationen bildete sich ein Strudel über dem Meer. Aus der Entfernung sah es so aus, als würde dieser das Wasser um sich herum im Kreis meterhoch empor wirbeln. Ein irrer Anblick. Und langsam formte sich ein Rüssel aus den Wolken hinab. Wie in einem Film. Wurde immer dicker, verband sich mit der Seerose und reichte schlussendlich bis aufs Meer. Ein Windkanal. Wahnsinn. Zwar war dieses Schauspiel weit entfernt, dennoch brachte es ein etwas mulmiges Gefühl in mir hervor. Doch das Gebildete löste sich schließlich auf und war schneller verschwunden als gedacht. Doch Markus war glücklicher Weise schnell genug, zumindest ein paar der Eindrücke mit seiner Kamera festzuhalten. Auch wenn es auf den Bildern natürlich längst nicht so spektakulär aussieht wie es für uns war.

Wir vertrieben uns die Zeit mit Schwimmen, Gammeln, Musik hören und Lesen. Gingen abends in einem Backpackerhostel malaiisch Essen und entspannten uns. Es war eine Mischung aus Nichts-tun-können und Nichts-tun-müssen mit einer absolut schlechten Internetverbindung. Hilfe, wie wir doch inzwischen auf dieses verfluchte Internet angewiesen waren. Allein die Reiseplanung macht ohne Informationen und Buchungsmöglickeiten online keine Freude. Vor allem, wenn man mit dem Lonley Planet einen Reiseführer dabei hat, der eher eine Auflistung von Hotels und Restaurants ist, statt wirkliche Tipps und brauchbare Informationen zu bieten. Und seit dem wir wissen, dass die dort aufgelisteten Hotels zumindest zum Teil dafür Geld bezahlen müssen um überhaupt erwähnt zu werden, ist dieses Buch nur noch Ballast für uns geworden. Doch so ganz ohne wollen wir dann auch wieder nicht. Naja.

Der vorletzte Tag war gekommen und wir buchten in unserem Hotel ein Taxi für den nächsten Morgen zur Fähre auf der anderen Seite der Insel. Kein Problem sagte man uns mittags. Zwar seien die beiden eigenen Autos gerade in der Werkstatt, aber man kümmere sich darum und sage uns später Bescheid. Später allerdings passierte nichts. Wir klopften am Abend jemanden vom Hotel aus dem Bungalow. Eine der Frauen ging sichtlich von uns genervt an die Rezeption und begann zu telefonieren. Die Autos also schienen weiterhin außer Betrieb zu sein. Gut zu wissen. Nach ein paar Telefonaten bat sie uns vor der Rezeption zu warten und verschwand wieder. Ups. Völlig allein standen wir wie blöd herum, warteten zehn Minuten und entschieden uns dann, uns selbst um den Transport zu kümmern. Hilfe, was für ein Service. Nein, es lag nicht an der anderen Kultur, an einer uns unbegreiflichen aber in Malaysia üblichen Einstellung. Es lag einfach an diesen Leuten die das Hotel führten. Denn im Backpackerhostel kümmerte man sich um uns und buchte uns für den nächsten Morgen ein Taxi.

Herrje… So ein toller Platz und eigentlich auch eine ganz schöne Anlage. Nur leider von unfähigen Leuten geführt. Unser Zimmer wurde trotz Bitte unsererseits nicht ein Mal in den ganzen Tagen gesäubert. Wir selbst suchten uns einen Besen, um zumindest mal durchzufegen. Es brach mir das Herz. Denn man hätte mit den einfachsten Mitteln und ohne fachliche Kenntnisse eine kleine, schöne Oase schaffen und vor allem Geld damit verdienen können. Aber so wunderte es uns wenig, dass wir fast die gesamte Zeit allein waren, während sich das Leben in anderen Unterkünften abspielte.

Wir fuhren mit der Fähre zurück nach Mersing, stiegen in einen Bus um und fuhren durch weitere endlose Palmenfelder nach Kuala Lumpur. In eine moderne Großstadt mit Wolkenkratzern und einem gut ausgebautem Hochbahnnetz. Wir verabschiedeten Micha, der die nächsten paar Tage dort beruflich zu tun hatte, suchten uns die Verbindung zu unserer neuen Unterkunft heraus und trafen auf Anja. Ein Besuch jagt den anderen.

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2 Comments

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  1. Ja, ich lese alles, auch die Bildbeschreibungen.
    Sehr toller Bericht!

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