Geliebte Schönheit,

unsere gemeinsamen Stunden sind gezählt. Der Abschied naht. Auch wenn er nur für kurze Zeit ist. Doch was ist schon Zeit. Lang kam sie mir vor, zähle ich all die schönen Dinge auf, die wir gemeinsam erlebt haben, die du mir gezeigt hast. Und zugleich waren die zwei Monate nur ein Augenblick, ein Augenschlag, wenn ich bedenke, wie viel es noch zu entdecken gibt.

Fremd warst du mir, es ist noch gar nicht lange her. Ich hatte weder Vorurteile, noch wirklich schlecht über dich gehört, eher fremd im Sinne von egal. Du hast nicht stattgefunden in meinem Leben. Ich hatte keinen Platz für dich.

Doch es hat dich glücklicher Weise unbeeindruckt gelassen und du bist trotzdem auf mich zugekommen. Hast einen verlassenen Trampelpfad zu meinem Herzen gefunden, hast ihn verbreitert, geteert und zu einer Straße ausgebaut. Inzwischen ist sie zu einer Autobahn herangewachsen, sechsspurig und mit fließendem Verkehr in beide Richtungen.

Anfangs wurde mir nur von dir erzählt. Mir wurden Bilder gezeigt von deiner Schönheit, deiner anderen Kultur, deiner Fremdartigkeit. Das hat mich alles wahnsinnig neugierig gemacht. Wie bist du wirklich? Wie wird das erste Zusammentreffen sein? Werden wir uns auf Anhieb verstehen? Und werden wir uns über die geplanten zwei Monate vertragen? Hältst du es mit mir aus und ich mit dir?

Und dann das erste Aufeinandertreffen. Eine Explosion. Mit offenen Armen kamst du mir entgegen gerannt. Hast ein Feuerwerk entzündet, all deine Türen geöffnet, mir ein riesiges Zirkusfestival geschenkt, mir deinen Jahrmarkt präsentiert, mich direkt in deine Mitte katapultiert und mich mit all meinen Sinnen verführt. Wie beeindruckt ich war und noch immer bin. Bangkok, dein pulsierendes Herz. Voller Energie. So voller Leben. Lebenslust. Das Treiben auf den Straßen, die nie zu ruhen scheinen. All diese Gerüche, die über mich kamen und meine Sinne verrücktspielen ließen. Die tausend Köstlichkeiten, von denen ich naschen durfte und mich an ihnen satt gegessen habe. Tag für Tag. Und immer wieder neu. Ein wahrer Rausch, im wahrsten Sinne des Wortes. Denn wenn du mich süchtig nach dir gemacht hast, dann dort, tief in deinem Herzen.

Und kurz vor der Ohnmacht hast du mich gebettet. Im Park oder auf deiner Blutbahn dem Wasser. Hast mich behutsam umsorgt, mir frische Luft zugefächelt, deine Musik heruntergedreht und mich auftanken lassen. Meine Neugierde wieder herausgekitzelt und mir Kraft gegeben für ein neues Erlebnis mit dir. Was für ein Einstand.

Dann hast du mir deine anderen Seiten gezeigt. Fern der Großstadt hubst du mich in deine Höhen und gabst mir deine wahre Größe preis. Deine Weiten. Ließest mich in deinen Tälern hausen und mich mit deinen Landsleuten Freundschaft schließen. Fegtest Worte wie „Land des Lächelns“ mit einer einzigen Handbewegung fort und fülltest die leere Zeile mit „Gastfreundlichkeit“ auf. Willkommen war ich, wohin ich auch kam. Du gabst mir nie das Gefühl, irgendwo fehl am Platz zu sein. Hast mich immer selbst entscheiden lassen, mir nichts aufgedrängt. Ein Arm deiner Umarmung blieb jederzeit geöffnet und ich hätte mich umdrehen und einfach fortgehen können. Deiner Freundlichkeit hätte es keinen Abbruch getan. Wie auch immer du es machst, behalte es bitte bei. Und bringe es mir bei. Lass mich von dir lernen, deine Gelassenheit, Zufriedenheit und deine Art, die Dinge so zu nehmen wie sie sind. Ich möchte dir ein treuer Schüler sein. Reiche mir nur einen Strohhalm und ich werde so lange an ihm saugen bis das Glas geleert ist.

Deine Kochkünste hast du mir ja schon beigebracht. Und ich hoffe, ich habe dir oft genug zugesehen, um dir nachzueifern. Denn mit deiner Küche hast du mich verzaubert. Du hast mich gelehrt, was in Deutschland niemandem gelungen ist. Kleine Portionen essen. Dafür ständig, den ganzen Tag lang. Und immer frisch. Frisch gepflückt, gesammelt, gefangen und zubereitet. Schnell zubereitet. Und einfach. So wahnsinnig einfach und doch mit so viel Geschmack. Ich möchte baden in deinem Curry, in deiner Kokossuppe. Ich habe fast vergessen wie Milch und Käse schmeckt. Ich habe keinen Appetit mehr auf Steak, Pizza oder auf die Unmengen Eis, die ich vor unserem Treffen verschlungen habe. Auch hier hast du mich verzaubert. Und ich danke dir von ganzem Herzen dafür.

Ich erinnere mich an so manche Dinge, vor denen ich gewarnt wurde. Nicht viele und ich konnte mich auch nicht dagegen wehren, denn sie wurden mir zugetragen ohne je nach ihnen gefragt zu haben. Du wärst manchmal ein Schlitzohr zum Beispiel. Würdest mich vorsätzlich übers Ohr hauen und zu deinem Vorteil agieren. Also entweder hast du mich bewusst nicht in deine Abgründe blicken lassen, oder ich war zu blind sie zu sehen. Vielleicht sind sie auch nicht ganz so tief, wie mir beschrieben wurde. Aber es würde doch ein Schauspielstudium brauchen, um sie so zu kaschieren. Wo sind sie also, deine dunklen Seiten? Nicht, dass ich sie finden und sehen möchte, aber dennoch stelle ich mir die Frage. Blendet mich deine Schönheit, dein so wunderbarer Charakter, von dem ich mir alles versuche abzugucken, um es auf den meinigen zu übertragen? Es sollte mir egal sein. Denn das hast du mir bereits bei- oder zumindest nahegebracht: Nimm die Dinge, wie sie sind.

Weißt du eigentlich, was du mir angetan hast? Ist dir bewusst, dass du mich ein Stück weit verändert hast? Nicht viel, denn dazu war die Zeit nicht lang genug. Aber du hast in mir etwas bewegt, etwas angeschoben. In meinem Kopf und auch im Herzen. Ich entdecke neue Seiten an mir, wenn auch vorerst nur oberflächlich. Ich stelle Dinge infrage. Stelle überhaupt viele Fragen. Formuliere sie, ohne nach einer Antwort zu suchen. Verwerfe sie, um neuen Fragen Platz zu geben. Habe ab und an Antworten, die sich von heute auf morgen wieder verändern und sich widersprechen. Manchmal sogar zeitgleich. Ich beschäftige mich mit mir selbst. Versuche Dinge an und in mir aus. Versuche manches beizubehalten aber es gelingt mir nicht immer. Und ich lebe bewusster durch dich. Nicht, dass ich nicht vorher schon wusste, was es heißt zu leben, mit offenen Augen durch die Gegend zu laufen und mich über die ganz kleinen Dingen zu erfreuen. Doch du hast mein Bewusstsein weiter geschärft. Mir mein Glück neu aufgezeigt. Und es macht so unendlich viel Spaß, durch sein eigenes Ich zu wandern, sich aus anderen Perspektiven zu betrachten, sich zu beobachten. Das alles ist dein Verdienst. Und ich danke dir auch dafür.

Und für den Abschied. Für das Eintauchen in deine Meere. Für die Zeit, die du mir zum Verarbeiten geschenkt und mit deinen wunderschönen Bildern versüßt hast. Ich durfte in deiner Hängematte schlafen, inmitten deines Blaus. Ab und an hast du mich an geschubst, mich in Schwingung versetzt, aber ganz sacht. Mich über deine Wellen getragen und mir die schönsten Sonnenuntergänge gezeigt.

Also, um auf meine ersten Zeilen zurückzukommen, sage ich auf bald. Auf Ewigkeit in meinem Herzen, auf ein sehnsuchtsvolles gleich, denn wir sehen uns schon in ein paar Monaten wieder, und auf in naher Zukunft, denn die Zeit die uns trennt, wird vollgepackt sein mit Neuem. Für dich und mich. Ob kurz oder lang, wir werden uns verändern. Aber ich bin mir sicher, wir werden nahtlos an das Jetzt anknüpfen können. Und darauf freue ich mich gerade sehr. Auf eine lang andauernde Freundschaft!

Dein dich liebender Felix

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2 Comments

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  1. Ganz toller Text!!! Macht richtig Lust, dieses Land doch mal kennenzulernen! Danke dafür

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