Einen Tag mit Mam

Es ist schon interessant, wie die Zufälle manchmal zusammenspielen. Als wir vor Monaten in Chiang Mai waren, haben wir mit dem Gedanken gespielt, noch nach Chiang Rai zu fahren, in den nördlichsten Zipfel Thailands. Doch wir hätten die gleiche Strecke wieder zurück fahren müssen, weshalb wir uns dagegen entschieden haben. Nun allerdings, von Laos kommend, lag Chiang Rai auf unserem Weg.

Die Busfahrt dauerte keine drei Stunden. Zwar waren die Bänke etwas eng für meine langen Beine, aber ich hatte zumindest eine für mich allein. Ach es war herrlich. Die Landschaft hatte sich verändert. Haben wir damals noch auf leere, trockene Reisfelder geguckt, ist jetzt alles grün und sprießt aus allen Ecken. Erstaunlich, wie sich nach nur knapp vier Monaten alles gemacht hat.

Vom Busbahnhof waren es nur wenige Schritte zu unserer vorher gebuchten Unterkunft. Eine kleine Anlage mit einem Garten in der Mitte. Ganz schick eigentlich. Nur hatten wir das günstigste Zimmer gebucht. Es war etwas dunkel und glich einer Garage. Nur viel kleiner. Dennoch hübsch dekoriert und sauber. Da wir aber etwas länger in der Stadt bleiben wollten, schauten wir uns nach einer anderen Unterkunft um und wurden fündig. Gleich um die Ecke. Ein buntes Mädchenhotel mit zehn Zimmern. Total liebevoll eingerichtet, mit jeder Menge Deko-Schnickschnack. Kleine Töpfe mit Pflanzen, Schmetterlinge aus Holz, Porzellanfiguren und selbst gemalte Bilder. Sogar ein kleiner Springbrunnen sprudelte vor dem Haus. Es hat uns sofort gefallen, denn die Zimmer waren nicht nur groß und sauber, sondern mit Liebe eingerichtet. Es fehlte nichts, es wurde an alles gedacht. Viele Ablagen, warmes Licht, ein bequemes Bett und eine schnelle Internetverbindung. Also buchten wir uns für fünf Nächte ein.

Doch als wir mit unserem Gepäck ankamen die Überraschung. „Sit down please. I have to speak with you.“ Die Inhaberin Mam kam mit Sorgenfalten auf der Stirn zu uns. Sie hatte eine Buchung übersehen und nun waren für unsere erste Nacht alle Zimmer belegt. Ohje. Sie hätte die ganze Nacht nicht schlafen können, sagte sie, deswegen könnten wir bei ihr Zuhause schlafen. In ihrem Haus. Natürlich kostenlos. Ob wir damit einverstanden wären. Für die folgenden vier Nächte wäre dann unser Zimmer im Hotel frei.

Ehrlich gesagt kam das so überraschend, dass wir gar nicht darüber nachdenken konnten. Und da wir nicht wussten, was wir machen sollten, haben wir ja gesagt. Klar. Da fiel ihr plötzlich ein riesiger Stein vom Herzen. Ein breites, erleichterndes Grinsen machte sich in ihrem Gesicht breit, während wir noch etwas überfordert waren mit der Situation. Damit hätten wir so gar nicht gerechnet. Weder, dass unser Zimmer belegt ist, noch, dass wir im Haus eines Thailänders übernachten sollten.

Sie lud unser Gepäck in ihr Auto und fuhr uns zu ihrem Haus etwas außerhalb der Stadt. Drei Etagen, zwei große Balkone, geräumig für eine ganze Familie. Zwei Bäder, ein Wohnzimmer im Erdgeschoss und das Schlafzimmer in der ersten Etage. Ins zweite Stockwerk sind wir nicht gegangen, das war uns dann doch zu privat. Sie übergab uns die Schlüssel und hörte sich gar nicht mehr auf zu freuen. Das nenne ich mal Gastfreundschaft. Und Vertrauen. Sie fuhr uns ohne Gepäck wieder in die Stadt, wo wir dann den Tag mit Spaziergängen verbrachten. Sie dagegen fuhr zur Schule, denn Mam war eigentlich Lehrerin für Physik und Chemie. In dieser Zeit übernimmt ihre Schwester das Hotel, die früher Köchin im naheliegenden Krankenhaus war, inzwischen aber in Rente ist.

Am Abend trafen wir uns wieder im Hotel, sie brachte uns zu sich nach Hause und wir verabredeten uns für den nächsten Tag. Da waren wir also. Unser erster local stay. Privat bei Einheimischen. In einem großen Haus, ganz allein. Komisch und doch toll zugleich. Und wir haben wunderbar geschlafen!

Zu unserer Überraschung wollte sie mit uns den nächsten Tag verbringen. Denn es war ein Feiertag. Der Geburtstag der Königin und zugleich der Muttertag in Thailand. In der ganzen Stadt waren große Plakate mit ihrem Portrait aufgestellt worden. Die Schule hatte geschlossen und sie hat sich im Hotel frei genommen. Wow. Was für eine Ehre. Nur für uns? Nur für uns!

Als erstes fuhren wir zu einer Teeplantage. Zum Singha Park. Singha ist hier in Thailand eigentlich eine der größten Bierbrauereien mit einem Löwen als Wappen. Und Singha gehört einer einzigen Familie. Wahnsinn. Und neben Bier stellen sie also auch Tee, Fruchtsäfte und Marmeladen her.

Ein riesiges Areal, wunderschön angelegt, mit einem großen See und einem Fahrradrundweg. Im Winter soll es noch schöner sein, wenn die ganzen Blumen blühen. Aber auch so sah es sehr beeindruckend aus. Eigentlich war es ein überdimensionierter Park, der sich für die Bundesgartenschau bewerben könnte.

Sie führte uns zu einem kleinen Häuschen und wir probierten die verschiedenen Teesorten. Grüner Tee. Den trinken die Thailänder am liebsten. Doch richtige Unterschiede schmeckten wir nicht heraus. Aber es war trotzdem lecker. Und lustig. Denn sie war eine außerordentlich fröhliche Frau. Wir sprachen über Gott uns die Welt. Über das Essen, das Wetter, über die verschiedenen Schulsysteme und das Leben in Deutschland. Für sieben Millionen Bath hat sie sich vor einem Jahr das Hotel samt Grundstück gekauft. Das Gebäude sogar komplett selbst entworfen. 185.000€ für alles inklusive Einrichtung. Ihre Angestellte Putzkraft kommt aus Myanmar und verdient keine 8€ am Tag. Den Rest macht sie mit ihrer Schwester selbst. Achja. Wir träumten natürlich auch gleich von solch einem Hotel und rechneten unsere Finanzen durch. Oder lieber einen Coffeeshop? Mit ihr zusammen hinter ihrem Hotel? Denn von unserem Café sellberg war sie total angetan. Wir zeigten ihr ein paar Bilder und erzählten aus unserer Zeit als Barista und Bäcker. Ja, wir schwelgten in Erinnerungen. Es war großartig.

Dann bekamen wir Hunger. Statt irgendwo in einem Restaurant zu essen, fuhren wir zu einem Platz, an dem die Einheimischen ihr Mittag aßen. Kein Tourist weiß wohl davon und verläuft sich hierher. Wir fühlen uns geschmeichelt. Ein Pavillon aus Bambus direkt am Fluss. Eigentlich eher eine Überdachte Terasse. Ein echter Geheimtipp für uns. Im Schneidersitz machten wir es uns bequem und bestellten. In Thailand bestellt zwar jeder ein eigenes Gericht, doch alle kommen in die Mitte auf den Tisch und jeder darf von allem essen. Ein wunderbar geselliger Brauch. Wir naschten hier, kosteten da, plauderten fast wir Freunde und vergaßen die Zeit. Es war irre.

Da wir so viel über Kuchen gesprochen hatten, führte sie uns zu einem weiteren „secret place“. Ein Café, versteckt in einer Gasse hinter einer mit Grün zugewucherten Fassade. Wow. Wir staunten nicht schlecht. Hohe Decken, gemütliche Sofas, der Geruch von frisch gemahlenem Kaffee und eine Vitrine voller Kuchen und Torten. Hier kämen oft die Reichen und Schönen her, immer mal wieder auch Superstars, wenn sie in der Stadt ein Konzert gaben. Ja, das glaubten wir ihr sofort. Alles war im englischen Stil eingerichtet. Bücherregale, Zeitungen und viele Bilder an den Wänden. Ein Ort zum Wohlfühlen und mit einem hervorragenden Service. Immer da, aber nie aufdringlich.

Die Spezialität war ein Getränk, benannt nach der Lokalität, das wir sogleich probieren mussten. Wir bekamen ein Glas mit Eiswürfeln aus starkem Kaffee. Dazu ein Kännchen warmer Milch und eines mit einem Zuckersirup zum süßen. Wie geil. Wir lieben es, wenn man als Gast sich Getränke selbst zusammengießen muss. Also schütten wir alles ins Glas, warteten bis der Kaffee geschmolzen war, rührten noch mal um und nippten. Himmel wie lecker war das. Endlich mal wieder ein richtig guter Kaffee. Wir hatten vor lauter 3in1 Instantpulver total vergessen, wie gut das braune Gold schmeckt.

Doch damit nicht genug. Es war Schlemmertag. Also bestellten wir uns jeder ein Stück Kuchen. Lemon Cheesecake, Schokoladen- und Bananentorte. Wir waren angekommen im Schlaraffenland. Wie lange hatten wir keinen richtigen Kuchen mehr gegessen? Er schmeckte traumhaft. Besser hätte ich ihn nicht selbst backen können. So herrlich cremig und zart. Was für ein Genuss! Es hat uns ein Vermögen gekostet, aber das war es uns wert. Ich bekam direkt wieder Lust aufs Backen. Auf unser altes Café. Darauf, unsere Kunden zu verwöhnen. Ihnen eine kleine süße Auszeit zu geben. Achja, es war einfach eine tolle Zeit im café sellberg.

Im Café angegliedert war ein Spa. Ein Luxus-Spa natürlich. Jedes Zimmer anders eingerichtet. Und es roch nach Wellness. Wir fühlten uns zurückversetzt auf die Malediven. Fehlte nur noch das weite blaue Meer. Toll. Wir ließen uns alles zeigen, bekamen ein Wellnessgetränk und natürlich auch gleich die Preisliste. Und kurz dachte ich darüber nach, unser Tagesbudget über den Haufen zu werfen und auszubrechen. Aber die Vernunft siegte. Wir stiegen wieder in ihr Auto und fuhren zurück zum Hotel.

Ein großartiger Tag. Vor der Reise haben wir von einem solchen geträumt. In Kontakt mit Einheimischen zu kommen und mit ihnen Zeit zu verbringen. Nun durften wir es tatsächlich erleben. Und Mam war eine so tolle Gastgeberin. Wir tauschten unsere Kontaktdaten aus. Nächstes Jahr wolle sie nach Europa reisen. Und würde gern auch nach Berlin kommen. Keine 3-Tages-Sightseeingtour, sondern für länger. Sie möchte gern wie wir die Stadt fühlen. In ihr leben. Also haben wir sie direkt eingeladen. Zu uns nach Hause. Sie bekommt ihr Zimmer bei uns und wir zeigen ihr dann unsere Heimat. Es wäre zu schön. Aber so recht glauben wollen wir es nicht. Doch wer weiß, vielleicht steht sie ja tatsächlich irgendwann vor unserer Tür in Berlin.

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