Dünne Luft im Kaffeeparadies

Dünne Luft im Kaffeeparadies

Hilfe bin ich müde. Die letzten Tage war Ruhe angesagt. Markus kämpfte mit seinem Rücken und ich mit meinem Kreislauf. Bin ich doch tatsächlich umgekippt. Kurz weg gewesen. Doch glücklicher Weise im Hotelzimmer. Wahrscheinlich lag es an der Höhe, denn Da Lat liegt 1.500 Meter über dem Meeresspiegel. Mitten in den Bergen. Eine große Stadt, doch irgendwie auch ganz idyllisch. Total schön. Also verlängerten wir ein paar Nächte, um die Stadt und Umgebung wirklich kennen lernen zu können. Was wir auch getan haben.

Unsere erste Entdeckung war eine Bäckerei. Ein großer Laden mit einer riesigen Auswahl an kleinen Leckereien. Zwei Tage stopften wir uns die Mägen voll mit Bananenmuffins, Schokocroissants und Kokoskuchen. Man war das lecker. Beide Male gingen wir mit einer großen Tüte heraus und jeden Abend aßen wir direkt alles auf. Ja, das musste mal sein.

Dann haben wir eine der angebotenen Touren gebucht. Und um es gleich vorweg zu nehmen, wir haben unseren Kaffeedurst endlich stillen und unsere vielen Fragen stellen können. Es war definitiv das Highlight unseres Aufenthalts in Da Lat.

Inmitten einer Kaffeeplantage wurde uns gezeigt und erklärt, wie in Vietnam der Kaffee geerntet und weiterverarbeitet wird. Und wir kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Denn alles was wir in Deutschland gelernt haben, wurde über den Haufen geworfen. Wahnsinn.

Ob im Baristakurs oder in diversen Kaffeeforen, überall ist die Rede davon, wie irrsinnig viel Wasser man für die Herstellung von Kaffee benötigt. Bei Wikipedia heißt es 140 Liter pro Tasse, laut stern.de sogar 18.857 Liter pro Kilogramm. Einen großen Teil benötigt man, um die gepflückten Bohnen zu waschen und das Drumherum der Bohne zu entfernen. Nassaufbereitung nennt man das. Doch weit gefehlt, zumindest in Vietnam. Die Kaffeekirschen werden gepflückt und anschließend getrocknet. In der Sonne. Über mehrere Wochen. Die Kirschen färben sich dunkelrot, fast schwarz und kommen dann in eine Maschine. Durch Rütteln und Reiben wird ganz ohne Wasser die äußere Haut, das Fruchtfleisch, bis hin zum Silberhäutchen, welches sich um die eigentliche Bohne gebildet hat, entfernt. Für uns fast unglaublich. Und toll zu sehen. Es geht also auch mit deutlich weniger Wasser, wenn es auch etwas länger dauert. Aber das sollte es wert sein.

Dann haben wir den berühmten Katzenkaffee kennengelernt und wurden entzaubert. Denn es ist nicht so, dass wilde Tiere in den Plantagen herumschleichen, die Kaffeekirschen essen und Menschen den Boden nach deren Kot absuchen. Nein, die Schleichkatzen, die zwar auch Wiesel genannt werden, aber wohl  Fleckenmusang sind, befinden sich in Käfigen, werden mit den Kirschen gefüttert und scheiden die Bohnen dann fermentiert und fast pur wieder aus. Jedoch essen diese Tiere nicht den ganzen Tag nur Kaffeefrüchte, weshalb eine Massenproduktion schwierig und die Bohnen deutlich teurer sind. Wer also irgendwo mal Weasel Coffee oder Kopi Luwak Coffee sieht, kennt nun deren Geschichte. Sehr spannend.

Und natürlich durften wir probieren. Und wenn wir schon mal eine solche Gelegenheit haben, schlagen wir zu. Also bestellten wir uns statt jeder eine, gleich drei Tassen Kaffee. Landestypisch zubereitet. Herrlich. Und wieder lernten wir etwas dazu. Nämlich wieso der Kaffee in manchen Cafés nur 40 Cent und anderswo über 2 Euro kostet. Das Kaffeemehl wird oft mit Getreide gestreckt, was man an der helleren Farbe des Kaffeegrundes sieht. Und tatsächlich, wir haben schon deutlich helleren Kaffee und auch geschmacklich mit Aromen von Getreide getrunken. Äußerst interessant, wir waren komplett in unserem Metier. Und es war noch nicht alles. Bisher kannten wir Mokka nur als eine Art der Zubereitung, auch als Türkischen Kaffee bekannt. Hier haben wir gelernt, dass Mokka eine Gattung der Aarabicapflanze ist. Mokka wird hier angebaut und wie auch all der andere Kaffee ganz vietnamesisch mit dem kleinen Metallaufsatz zubereitet.

Alle probierten Kaffeesorten haben unterschiedlich geschmeckt. Der eine war deutlich stärker, ein anderer hatte viel mehr Säure und der dritte war etwas cremiger, denn ihm wurde Butter beim Rösten zugemischt. Wow. Aber einen qualitativen Unterschied zwischen „normalem“ und Katzenkaffee haben wir nicht schmecken können. Das ist entweder etwas für Feinschmecker, Kaffeenerds oder für welche, die ganz fest daran glauben, dass das Teuerste immer das Beste ist.

Ach, wir waren überglücklich. So viel Neues, so viele Informationen, so viel Theorie endlich auch mal vor Ort in der Praxis gesehen. Unbeschreiblich. Doch es sollte nicht alles gewesen sein.

Die Region um Dalat ist auch bekannt für Blumen. So besuchten wir eine Blumenplantage. Große Gewächshäuser dominierten das Bild. Hier werden vor allem Gerbera und Rosen gezüchtet, die dann in ganz Vietnam verkauft werden. In Bangkok haben wir den riesigen Blumenmarkt bewundert und uns gefragt, wo all die tausenden Pflanzen eigentlich herkommen. Nun haben wir auch einen solchen Ort kennen lernen dürfen, wenn auch in einem anderen Land. Und es war schon sehr beeindruckend. Vor allem, da ich Gerbera bisher tatsächlich nur als Schnittblume aus den Blumenläden kannte. Hier wuchsen die Pflanzen in Massen, in Reihen angelegt zum selber Pflücken. 20 Stück für einen Dollar. Und wieder hat mich dieser günstige Preis umgehauen. Trotz all der ganzen Handarbeit, es ist einfach wahnsinnig.

Als es zu einem Village ging, waren wir beide wieder sehr skeptisch. Was würde diesmal auf uns zukommen? Welche Produkte sollen wir kaufen? Wie wird uns das Dorfleben präsentiert? Was wird uns vorgeführt? Doch es war ganz faszinierend und auch nur ein kurzer Stopp. Von der Hauptstraße Bogen wir nur zwei Mal ab und befanden uns innerhalb einer Minute in einer komplett anderen Gegend. Es war kaum zu glauben. 200 Meter weiter gab es die bekannten Steinhäuser und ein Stadtleben, hier aber drehten sich die Uhren langsamer. Pures Dorfleben. Einfache Holzhäuser, halbnackte Kinder, die auf der Dorfstraße spielten, wilde Gärten mit roten Lehmböden.

Hier spielte sich das Leben anders ab als anderswo. Hier haben die Frauen das sagen, erklärte uns unser Guide an einem schönen Beispiel. Die Frauen suchen sich die Männer aus. Die Frauen fragen die Männer, ob sie sie heiraten wollen. Ein Nein als Antwort gibt es nicht. Doch man könne tricksen. Denn der Mann verlangt nach der großen Frage ein Geschenk von der Frau. Einen Wasserbüffel oder ein Stück Land, welches die Frau in die Ehe einbringen muss. Will der Mann also die Frau ablehnen, erhöht er den Preis auf 20 Büffel und schon ist er aus dem Schneider, ohne nein gesagt zu haben. Sehr interessant. Kleine Schlitzohren, die Vietnamesen. Und kommt es zu der Ehe, nimmt hier der Mann den Namen der Frau an. Denn sie bleibt das Oberhaupt der Familie. Schön zu sehen.

Wir guckten kurz in zwei Küchen eines Hauses hinein, die nichts weiter als Holzverschläge mit Holzöfen waren. Mehr braucht man nicht, um leckeres Essen zu zubereiten. Das haben wir ja inzwischen gelernt.

Vor dem Haus turnte ein Affe, angekettet auf einem Baum. Er hatte den Besuchern zu oft Dinge stibitzt, weshalb er angeleint wird, bis die Touristen wieder verschwunden sind. Er ist ein Haustier wie andere Hunde oder Katzen haben, wurde mir gesagt, als ich fragte, warum man diesen Affen hier überhaupt hält. Und ja, wir machen es ja nicht anders, nur mit anderen Tieren.

Der älteste Bewohner des Hauses zeigte uns dann netter Weise seinen Garten, der voller Bäume und Sträucher war. Einen Mangobaum, einen Apfelbaum und verschiedene Kaffeepflanzen. Dazwischen versteckt raschelte ein kleines Wildschwein. Auch ein Haustier?

Wir fuhren weiter zu einer Seidenproduktion. Wow. Ein weiteres Highlight. So etwas hatten wir zuvor auch noch nie gesehen. Mehrere Hallen in denen Frauen an in Reihen aufgestellten Maschinen arbeiteten. Es ratterte so laut, dass man kaum sein eigenes Wort verstand.

Die Seidenraupen werden anderswo gezüchtet und hier her gebracht. Millionen von weißen Kokons, wie Wattebällchen. Sie werden in kochend heißes Wasser getaucht, damit sich die einzelnen Fäden der Kokons lösen. Dann kommen sie in ein Wasserbecken, ein Faden wird auf eine sich drehende Spule gelegt und der Kokon Stück für Stück abgewickelt. Hunderte nebeneinander. Die kleinen Bällchen hüpften im Wasser hin und her, bis sie nackig und grau waren. Denn übrig bleibt eine weiche Schale und der dicke Wurm, der aussortiert und als Nahrung verkauft wird.

Wahnsinn. Überall verliefen die Fäden. Sie wurden von rechts nach links gewickelt, von oben nach unten, von kleinen auf große Spulen. Eine richtige Fabrikhalle, wie ich sie aus Büchern der DDR kenne. „Wenn Mutti früh zur Arbeit geht…“

Nach diesem überaus interessanten Besuch ging es zu einer kleinen Insekten Farm. Ein Ereignis jagte das andere. Zwar wurden wir mal wieder in Rekordzeit von A nach B gebracht, aber diesmal waren die Stopps voller neuer Eindrücke und Informationen. Denn unser Guide erklärte uns alles und gab spannende Geschichten preis.

Dass in Asien Insekten als Lebensmittel verwendet werden war uns nicht neu. Schon oft haben wir sie auf Märkten oder an Ständen als Snack gesehen. Auch haben wir sie schon bei unserem Gastvater in Bangkok gleich in den ersten Wochen unserer Reise probiert. Woher diese aber kommen, darüber haben wir uns bisher keine Gedanken gemacht.

Das Wort Farm passt eigentlich gar nicht zu dem Ort, den wir besucht haben. Es war eine kleine Scheune, ein offenes Haus, indem Grillen gezüchtet wurden. Eigentlich wenig spektakulär und doch so interessant zu sehen. Es gab kleine Ställe, gemauerte Abgrenzungen, vielleicht kniehoch, oben offen. Am oberen Rand war innen eine Reihe glatter Fliesen angebracht, damit die Tiere nicht heraus krabbeln können. Sie rutschten daran aus, eine interessante Begrenzung. Innen lag eine Menge Grünzeug, Blätter oder so, auf denen sich tausende von Tierchen tummelten. In einem der Ställe kleine, junge Grillen und im anderen die ausgewachsenen. Eigentlich etwas eklig und komisch, andererseits auch wieder gar nicht, denn sie konnten ja nicht raus. Auch überdeckte meine Neugierde den Schauer auf meinem Rücken. Wie aufwendig ist es, eine Kuh oder ein Schwein zu züchten? Vom Schlachten ganz abgesehen. Die Züchtung der Grillen dagegen sah so einfach, so simpel aus. Wieso nur ekeln wir uns so davor, solche Tiere zu essen, die angeblich wie Fleisch jede Menge Proteine enthalten? Liegt es daran, dass wir sie als ganze Tiere auf den Tisch bekommen, statt als filetiertes Steak? Was wäre, wenn man die Grillen zu Mehl verarbeitet und daraus einen Kuchen backt? Fragen über Fragen.

Natürlich durften wir die Insekten auch probieren. Und ja, es kostete mich eine Menge Überwindung. Und ja, es schmeckte komisch, allein weil ich wusste, auf was ich da gerade herum kaute. Geschmacklich aber war es gar nicht so schlimm. Jemand aus unserer Gruppe schmeckte sogar Lemongras heraus. Es gibt nämlich unterschiedliche Geschmacksnuancen. Nussig, zitronig und mehr. Schon spannend. Nur die Konsistenz sagte mir nicht zu, denn die Grillen waren nur kurz angebraten, statt frittiert. Also nicht wirklich kross, sondern eher weich und etwas fettig. Trotzdem eine spannende Erfahrung. Überhaupt war es eine ganz wunderbare Tour in das Umland von Da Lat.

Aber auch die Stadt selbst hat etwas zu bieten. Einen Bahnhof, der durch den dort fahrenden Zug erst wirklich sehenswert wird. Eine alte dicke Lok mit schön gestalteten Wagen. Ein „Crazy House“, eine Art Hundertwasser Spielwiese. Witzig-verrückte Häuser mit schiefen Dächern und konischen Wänden, die mit sich wild kreuzenden Treppen und Wegen miteinander verbunden sind. Eigentlich ein Hotel, doch ehrlich gesagt möchte ich hier nicht schlafen, wenn tagsüber hunderte von Touristen herumwuseln.

Und es gibt eine Seilbahn, ein paar Kilometer entfernt. Schon der Hinweg war faszinierend. Wir bogen in eine schmale Gasse ein und liefen einen steilen Hang hinab. Komischer Weise war kein einziger Tourist zu sehen. Wahrscheinlich lassen sich alle zur Seilbahn fahren. Wir allerdings wollten die Fahrt mit einem Spaziergang verbinden. Was sich gelohnt hat. Denn wir sahen wieder das vietnamesische Leben auf der Straße. Händlerinnen, die ihre Waren anboten, Frauen, die die Wäsche der Familie aufhingen und Männer, die entweder ihre Einfahrt neu betonierten oder auch einfach nur auf kleinen bunten Plastikstühlen zusammen saßen und Kaffee tranken. Unten im Tal angekommen ging es auch direkt wieder bergauf, denn die Seilbahnstation befand sich ganz oben auf einem Berg, etwas höher noch als die Stadt selbst. Zugegeben, mir war ein wenig mulmig, denn die Höhenluft machte mir weiterhin zu schaffen. Aber wir sorgten mit reichlich Getränke vor und stiegen ein in einer der vielen Gondeln.

Herrlich! So eine Fahrt mit der Seilbahn hat einfach was. Gebaut von Österreichern und Schweizern fühlten wir uns auch direkt sicher. Fast wirkte sie etwas fehl am Platz, so ein teures Projekt mitten im Nichts von Vietnam. Aber wir genossen die Fahrt auf den 600 Meter tieferen und 2.300 Meter entfernten Berg mit den tollen Aussichten und der Weite über dem Gebirge. Richtig, richtig schön.

Auf der anderen Seite war mächtig was los. Wahnsinnig viele Leute, vorwiegend Asiaten, stöberten durch die Gärten des dort stehenden Klosters. Eine richtige Pilgerstätte war das. Doch uns beeindruckte es nicht und so liefen wir hinab zum großen Hô Tuyen Lam See. Türkisfarbendes Wasser inmitten von sattgrünen Bergen. Was für ein Anblick. Was für eine schöne Natur. Eine Stunden saßen wir auf der Terrasse eines Restaurants und blickten über das Wasser und auf die kleinen Boote, die Waren und auch Lebensmittel hin und her schipperten, bevor wir die zweite Hälfte des Rundweges wieder zurück, hinauf zur Seilbahn wanderten. Ein klasse Halbtagesausflug war das. Nur jedem zu empfehlen, der Vietnam besucht. Überhaupt, ein Abstecher nach Da Lat lohnt sich. Nein, es ist sogar ein Muss.

Jetzt teilen: Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Pin on PinterestEmail this to someone

2 Comments

Add yours →

  1. Eigentlich hatten wir uns gegen da lat entschieden. Aber nach diesem Bericht habe ich doch Lust dort hin zu fahren und die Gegend kennen zu lernen, also geht’s für uns in ein paar Tagen genau dort hin.
    Der Blog ist wirklich toll und anders als all die anderen Blogs, ich habe hier schon einige Stunden mit lesen verbracht. Danke für die vielen Tipps und Eindrücke!
    Liebe Grüße aus Saigon

    • Markus & Felix

      8. März 2016 — 7:32

      Hallo Thorid,

      vielen Dank für dein Kompliment, das freut uns sehr. Und wir hoffen, euch wird Da Lat genauso gefallen wie uns. Schreib uns gern noch mal, wenn ihr dort gewesen seid, wie es euch gefallen hat.
      Genießt eure Zeit, das Land und die Leute! Vietnam war für uns landschaftlich eindeutig das schönste von uns bereiste Land.

      Viele Grüße aus Berlin,
      Markus & Felix

Schreibe einen Kommentar

Theme by Anders Norén