Ausflug ins Mekongdelta

Nun sind wir also wieder zurück in Saigon. Es ist 7.20 Uhr und die Motorräder brausen in Scharen vor mir die Straße entlang. Die Stadt ist schon längst wieder erwacht, im Gegensatz zu mir. Ich sitze vor einem Kaffee, diesmal mit Eis, rauche eine Zigarette und reise in Gedanken wieder zurück. Drei Tage Mekongdelta liegen hinter uns. Ach, es war eine tolle Tour.

Statt selbst alles zu organisieren, unseren Reiseführer zu wälzen, das Internet zu durchstöbern, Hotels und Busverbindungen zu recherchieren, haben wir uns entschlossen eine fertige Tour zu buchen. Wir wollten uns einfach mal um nichts kümmern. Eine gute Entscheidung. Drei Tage jemanden hinterher trotten ohne nachzudenken und zu planen. Das Land und das Leben gezeigt bekommen, ohne suchen zu müssen. Einfach nur erleben und genießen. Herrlich. Und wir haben viel gesehen, erlebt und es genossen.

In Vietnam gibt es nicht so viele schwimmende Märkte. Wir haben den kleinsten und den größten des Mekongdeltas gesehen. Sehr faszinierend. Ganz anders als wir dachten. Denn statt aus vielen kleinen Boten, die umher schwimmen und ihre Waren anpreisen, bestanden sie eher aus kleinen Schiffen. Die Käufer fuhren mit ihren Känen zu den Verkäufern, statt umgekehrt. Und jedes kleine Schiff bot meist auch nur eine Ware an, die hoch oben an einem Mast gebunden war, um den Überblick zu behalten. Obst und Gemüse. Kartoffeln, Zwiebeln, rote Beete, Rüben, Melonen, Ananas, Kokosnüsse und mehr. In großen Abpackungen, Säcken, Netzen und Tüten lagen sie bereit und wurden hin und her geladen. Ein richtiges Treiben mitten auf dem Wasser. Dazwischen kleine Boote mit Kaffee und Kaltgetränken, die aber vorwiegend die Touristen anpeilten.

Das Leben spielte sich wieder im, mit und auf dem Wasser ab. Dem Wasser des Mekongs, welches über tausende Verzweigungen ins Meer fließt. Dieser Fluss hat es mir angetan. Immer wieder sind wir ihm begegnet. Vom Dreiländereck im Norden Thailands bis hier im Süden von Vietnam. Sind auf ihm gefahren und haben ihn vom Land aus bewundert. War das Wasser im Norden noch klar, wurde es flussabwärts immer trüber. Braun und voller Sand. Wir haben gesehen, wie wichtig der Mekong für das Leben ist. Wie viel davon abhängt. Dieses Jahr hat die Regenzeit erst spät begonnen und viel des Regens blieb aus. Gut für uns, jedoch schlecht für die Fischer. Denn es gibt wenig Fisch zurzeit. Was wird wohl passieren, wenn tatsächlich die geplanten Staudämme in China gebaut werden? Wie viel Wasser und Fisch wird dann hier unten noch übrig bleiben? Fragen, die uns immer wieder in den Kopf schießen.

Im Mekongdelta wohnen die Menschen nicht freiwillig auf dem Wasser in schwimmenden Dörfern. Sie haben nicht das Geld, um sich ein Stück Land zu kaufen. Sie haben lediglich ein Boot. Ein kleines Holzboot. Dieses umbauen sie Stück für Stück, bis ein kleines Häuschen entsteht. Sehr interessant zu sehen, dass fast jedes Haus tatsächlich nur auf einem Ruderboot schwimmt. Und so leben sie von der Fischerei. Züchten die Fische in Netzen unter ihrem Haus im Wasser. Fahren zum Angeln hinaus, verkaufen den Fisch auf den Märkten und kommen so mit kleinem Einkommen über die Runden. Sie haben größtenteils zwar Elektrizität, die durch provisorisch übers Wasser gehangene Kabel fließt. Aber sie haben kein Trinkwasser. Gewaschen und gekocht wird mit dem Wasser des Mekongs. Mit der trüben Brühe. Und doch ist bei ihnen noch nicht das Bewusstsein entstanden, dieses Wasser zu schützen. Sämtlicher Abfall und Dreck wird hineingeworfen. Die Strömung spült schließlich alles weg. Aus den Augen aus dem Sinn. Schade und ein wenig unbegreiflich zu gleich. Zumindest für uns.

Wir besuchten eine Fischzucht. Fuhren mit Ruderbooten durch eine schwimmende Siedlung und bewunderten das Leben der Bewohner, die trotz Armut zufrieden wirkten. Auch etwas, das ich mit nach Deutschland nehmen möchte. Zufrieden sein mit dem was man hat. Sich nicht mehr dem Zwang hingeben, immer mehr zu wollen, besser zu sein, alles zu erreichen was möglich ist. Ziele verfolgen, aber nicht um jeden Preis. Leben. Innehalten. Zufrieden sein.

Wir fuhren mit Fahrrädern durch ein Dorf, einen kleinen schmalen Weg entlang. Vorbei an Bananenpflanzen und Papayabäumen. Kinder winkten uns wieder zu und wir genossen es, bei herrlichem Sonnenschein im Schatten der Bäume zu radeln. Gänse und Hühner wurden mit Mopeds transportiert. Autos sahen wir kaum. Eine Hand am Lenker und in der anderen drei Tiere. Teilweise wurden sie auch einfach in die Seitentaschen des Mopeds gestopft und guckten stumm dem Fahrtwind entgegen. Ungewohnt, skurril und doch auch schön zugleich. Das Leben scheint so einfach zu sein. Mit allen Vor- und Nachteilen.

In einem anderen Dorf sahen wir den Kindern beim Spielen zu. Während die Frauen das Essen kochten, beschäftigten sich die Kinder mit sich selbst. Kickten Gegenstände hin und her, tollten im Wasser, kletterten auf Bäume oder spielten mit den Tieren. Auch sie sahen zufrieden aus. Glücklich. Auch ohne Spielzeug, bunten Glitzerpuppen und Plastikpistolen.

Zwar wurden wir wie erwartet von einem Punkt an den anderen gekarrt, jedoch erhaschten wir viele Einblicke in das Leben und in die Natur. Fuhren mit einem Ruderboot durch einen angelegten Dschungel, sahen bei der Herstellung von Kokosbonbons, Reisschnaps, Reispapier, Puffreis und Reispapier zu. Durften von allem kosten und manchmal auch selbst Hand anlegen. Alles im Schnelldurchlauf. Sogar eine kleine Imkerei besuchten wir. Unser Guide nahm eine der Waben voller Honig heraus, ganz ohne Scheu. Die Bienen summten um ihn herum. Und ganz mutige klauten mit dem Finger ein wenig Honig, um ihn zu kosten. Hilfe! Das konnte ich nicht. Zwar wurde tatsächlich niemand gestochen und ich hätte gern mal den frischen Honig probiert, aber das war zu viel für mich. Da siegte leider mein innerer Schweinehund. Aber es war wahnsinnig interessant zu sehen.

Am ersten Tag begleiteten uns auch ein paar Vietnamesen aus Ho Chi Minh. Wir besuchten einen Obstgarten. Und als hätten sie die Früchte, die sie täglich auf dem Markt kaufen noch nie gesehen, fotografierten sie voller Stolz und Freude die Früchte an den Bäumen. Hier eine Jackfruit, dort eine Papaya. Erstaunlich für uns. Mit vollen Tüten fuhren sie mit uns weiter und später wieder zurück nach Hause. Eine Shoppingtour für Einheimische.

Und dazwischen wieder diese Ignoranz und Selbstverständlichkeit. Das Obst zum Kosten wurde vom Guide geschält, alles landete verteilt auf dem Boden. Fiel beim pflücken eine Frucht auf den Boden, wurde sie dort liegen gelassen. Wie das benutzte Messer oder jegliche Verpackungen. Das war schade. Zumindest aus unseren europäischen Augen gesehen.

Auf der Tour war alles inklusive. Wir schliefen in komfortablen Sternehotels und genossen gutes Frühstück. In Form eines riesigen Buffetts und hoch oben über der Stadt bei aufgehender Sonne. Zum Mittag gab es vietnamesisches Essen. Ein Mal sogar mit traditioneller Livemusik. Mit einer ordentlichen Portion Theatralik. Da wir aber nicht erahnen konnten, worum es geht, klang es in unseren europäischen Ohren etwas wie qäckendes Gejaule, begleitet auf einer verstummten Gitarre. An die kitschig-süße Popmusik haben wir uns in Südostasien gewöhnt. Auch an die traditionelle Musik im Wasserpuppentheater in Hanoi. Aber diese Vorführung beim Essen war dann doch nichts für uns.

Auf der Tour lernten wir eine Familie aus Dänemark kennen, mit der wir uns schnell anfreundeten. Sie haben die beiden Kinder für den dreiwöchigen Urlaub aus der Schule genommen. Mit der Begründung, dass sie hier viel mehr lernen würden. Und es stimmt. Denn sie waren beide neugierig und machten alles mit. Ja, es gibt Dinge, die man in keiner Schule lernen kann. Das Leben in anderen Kulturen. Man muss hinein tauchen und es erleben. Und auch wenn man nicht alles verstehen und nachvollziehen kann, es ist eine unbeschreibliche Erfahrung. Und zwar nicht nur für Kinder.

Jetzt teilen: Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Pin on PinterestEmail this to someone