Die ersten Stunden

Wellenartig wird die Musik immer lauter und reißt mich aus dem Schlaf. Es ist jetzt also 5.45 Uhr, so zumindest haben wir den Wecker gestern eingestellt. „Eine Minute noch, dann geht’s los“, sage ich mehr zu mir selbst und drehe mich nochmal kurz um. Müde schleppe ich mich zur Tür gegenüber und schaue in den trüben Himmel. Ein wenig tröpfelt es noch, aber längst nicht mehr so wie gestern Abend. Ein wahres Feuerwerk in schwarzweiß kreiste um uns herum. So viele Blitze, man hätte sie gar nicht zählen können. Hintereinanderweg. Es hörte gar nicht mehr auf. Und ab und an ein Donnern. Meist dumpf und aus der Ferne. Nur ganz vereinzelt krachte es direkt neben uns von den Bergen herunter. Und erst viel später setzte der Regen ein. Prasselte vor uns herunter aufs Dach der Nachbarhütte. Doch inzwischen wird es langsam wieder hell, die Wolken lösen sich auf. Ich gehe mich duschen, versuche mir meine Müdigkeit abzuwaschen.

Auf die Minute pünktlich kommt unser Fahrer die Straße hinauf und wir sichern uns die besten der sieben Plätze im Minibus. Von innen schaue ich durch die Scheibe und verabschiede mich innerlich von dem kleinen Ort, den noch schlafenden Bewohnern und von der ganzen Insel. So oft bin ich diese Strecke zum Hafen mit dem Moped und Markus im Rücken selbst gefahren. Kannte zum Schluss die steilen Kurven und großen Löcher auf der Fahrbahn. Wusste genau, wo ich lieber abbremsen sollte und an welchen Stellen ich mich mit hohem Tempo in die Kurven legen konnte. Und nun soll es also das letzte Mal sein und diesmal auch nur als Beifahrer.

Inzwischen sind alle Plätze im Minibus belegt. Hinter uns weint ein kleiner Junge auf dem Arm des Vaters seiner Mutter hinterher. Keinen Kindern in Thailand auf den Kopf tätscheln geht es mir durch den Kopf. Eine thailändische Verhaltensregel für Touristen. Das erste Mal, dass ich es gern tun würde. Doch das übernehmen die Freunde des Vaters gerade.

Das Meer liegt heute ungewöhnlich ruhig in der Bucht. Kein Wellengang, kaum ein Wind, dennoch ist es angenehm kühl um diese Uhrzeit und vor allem nach dem nächtlichen Regen. Wir gehen zu Fuß auf die Fähre und steigen die Treppe zum Passagierdeck hinauf, während sich die Autos wie Tetrisbausteine unten zusammen schieben. Wie erwartet gibt es weder gescheiten Kaffee noch etwas zum Frühstück, also setzen wir uns auf eine der Holzbänke und dösen vor uns hin. Die ganze Fahrt über. Wir sprechen kaum ein Wort miteinander, nicht nötig. Unsere Müdigkeit verstärkt das Abschiedsgefühl, die still daliegende See ebenso. Schon merkwürdig. Ich weiß, wir kommen in ein paar Monaten wieder und vor allem weiß ich, dass es jetzt aufregend und mit neuen Eindrücken weiter geht. Ich sollte mich doch viel mehr Freuen, oder? Tue ich eigentlich auch, freue mich wieder auf das Leben in einer Stadt, auf den Besuch eines Marktes, aber die Wehmut legt sich wie ein Seidentuch über all die Vorfreude.

Den Rest des Weges zur Grenze nach Kambodscha mache ich die Augen zu und versuche etwas zu schlafen. Es gelingt mir nicht wirklich, da mein Kopf immer wieder von der einen zur anderen Seite gekippt wird. Ein rasanter Fahrstil. Als würde die Grenze jede Minute schließen überholt unser Chauffeur die Autos und wechselt die Spuren im Sekundentakt. Aber mir ist es recht, so sind wir früher da. Was soll ich auch machen, ihn ansprechen, er möge doch bitte etwas mehr Rücksicht nehmen und langsamer fahren? Er fährt wahrscheinlich jeden Tag diese Strecke hin und zurück und kennt genau wie ich inzwischen auf der Insel jede Kurve, jeden Sandfleck auf dem Boden, jeden Straßenstand, der etwas zu weit auf dem Asphalt steht.

Wir sind da. Angekommen. Ein paar Frauen ziehen große Wagen hinter sich her und bieten sich als Kofferträgerin an. Wir verneinen. Nehmen unsere Rucksäcke und stehen erst mal nur da. Wie geht’s jetzt weiter? Wie läuft das jetzt ab? Wohin müssen wir? Ich schiele zu den anderen aus unserem Bus, die kommen aber nicht aus dem Knick. Also laufen wir los. Die Straße weiter. Rechts und links sind irgendwelche Läden und Stände, doch dafür habe ich gerade kein Auge. Ich bin etwas aufgeregt. Angespannt. Aber nur ein ganz klein wenig. Kambodscha. Das klingt für mich immer noch ganz weit weg. Armut. Kriminalität. Drogen. Schmuggel. Wahrscheinlich alles Vorurteile. Also schaue ich den an Zäune stehenden Leuten in die Augen. In der Hoffnung, sie verraten uns, was wir zu tun haben. Weisen uns den Weg. Die vielen Schilder kann ich nicht lesen. Oder übersehe sie einfach. Da winkt uns eine Frau zu sich heran. Super, denke ich, danke für den Hinweis. Brav geben wir unsere Pässe ab, bekommen unsere Ausreisestempel und werden weiter geschickt. Nicht wirklich irgendwohin, aber halt weg. Dort sind wir also fertig. Dann die Straße weiter, zur Absperrung, an der ein paar Männer lehnen und in die Luft gucken. Zumindest würdigen sie uns keines Blickes. Also einfach durch gehen? Langsam und vorsichtig, die Rucksäcke auf unsere Rücken und vor unserer Brust geschnallt, laufen wir weiter.  Sind wir noch in Thailand? War es das jetzt schon? Nein, da hinten winkt uns wieder jemand zu sich. Begrüßt uns freundlich und gut gelaunt und schiebt uns an seinen Tisch, hinter dem eine stumme Frau sitzt. Gesundheitscheck. Ahja. Uns werden die Pässe inklusive der Visa abgenommen, eine Fieberpistole an die Stirn gehalten und 40 Bath abgeknöpft. Markus schaut mich fragend an, denn von irgendwelchen Kosten an der Grenze haben wir nichts gelesen. Doch ich gebe das Geld, es ist etwas mehr als ein Euro, also was soll es. Und dann werden wir zur Seite geschoben, in den Wartebereich, der aus einem Stück zertrampelten Rasen und ein paar Bänken besteht. Läuft hier alles richtig ab? Was machen sie jetzt mit unseren Pässen? Wieso haben sie überhaupt keine Uniform an? Ich mache mir Gedanken, beobachte und versuche irgend etwas heraus zu bekommen. Bin aber selbst erstaunt über meine Ruhe.

Der junge Mann bringt uns unsere Pässe wieder und legt uns einen Zettel vor die Nase, den wir unterschreiben sollen. Markus nickt, als ich fragend zu ihm über die Schulter blicke, also unterschreiben wir. Doch nun will er 100 Bath von uns haben. Für die Visa. Glücklicher Weise mischt sich Markus ein. Schließlich haben wir die Visa bereits bezahlt und auf dem Begleitschreiben steht nichts von einer weiteren Gebühr. „No“, gab er entschieden und mit einem großen Ausrufezeichen zu verstehen, woraufhin der Mann mit unseren Pässen wieder verschwand. Und sogleich wiederkam. Wir müssten die 100 Bath nicht bezahlen und bekämen unseren Stempel kostenlos. Na bitte! Innerlich klopfe ich Markus auf die Schulter, denn ich hätte mir das Geld natürlich aus der Tasche leiern lassen. Woher soll ich denn wissen, was hier wie viel kostet und wer welches Geld eintreibt?

Wir gehen mit unseren Pässen und Gesundheitschecks zum Schalter. Der junge Mann weicht keinen Schritt von unserer Seite und fragt immer und immer wieder nach einem Tip. Wir verstehen, geben uns aber ahnungslos. Sagen ihm, dass wir nicht wissen was er meint und ignorieren ihn letztendlich einfach. Andere neben uns lassen sich erweichen und geben 1-Dollar-Scheine Trinkgeld. Aber wofür? Ganz bestimmt haben sie sich schon die 40 Bath für den Gesundheitscheck in die eigene Tasche gesteckt. Dabei geht es uns natürlich nicht um das Geld, sondern ums Prinzip. Ab und an lassen wir uns gern an der Nase herum führen und zahlen kleines Lehrgeld, aber wir freuen uns auch über jeden, den wir enttarnen und auflaufen lassen können.

Wir lassen unsere Finger scannen, wohlgemerkt alle zehn, posen für ein Foto und bekommen endlos viele neue Stempel. Und dann stehen wir da. In Kambodscha. Auf einer Straße, die von Sand überschüttet ist und an deren Seiten kleine Stände aufgebaut sind, hinter denen uns Getränke angeboten werden. Und neben uns wieder ein Mann. Ein Taxifahrer. In Thailand hat er uns angesprochen, gefragt wohin wir wollen, uns sein Auto angeboten und ist uns bis nach Kambodscha gefolgt. Also die 200 Meter Weg über die Grenze. Und er lässt sich einfach nicht abwimmeln. Ähnlich kennen wir das ja schon von den Busbahnhöfen in Thailand. Und wir haben gelernt erstmal anzukommen, eine zu rauchen, sich zu sortieren und dann in Ruhe zu gucken, wo es welche Möglichkeiten der Weiterfahrt gibt. Wir geben ihm zu verstehen, dass wir Zeit brauchen und erst mal einen Kaffee trinken möchten. Oh, das war falsch. Kaffee habe er für uns kostenlos. Wir sollen ihm einfach nur folgen. Aber das tun wir nicht. Etwas genervt frage ich schließlich, was er für eine Fahrt zu unserem Hotel in die etwa elf Kilometer entfernte Stadt haben möchte. 400 Bath. Doch das ist uns zu viel. Diesen Preis haben wir für den Transfer von unserer Insel bis hierher bezahlt. Endlich einen Grund, uns von ihm zu verabschieden, denken wir und laufen los. Zur Not eben den ganzen Weg. Doch da kommt auch schon der nächste Taxifahrer. Für 300 nimmt er uns mit, fährt uns direkt vor unser Hotel sagt er. Doch wir verneinen. 250 Baht, weniger geht nicht. 200 sagen wir. Er schweigt. Und in dem Moment, als er okay sagt, kommt uns ein Tuktuk entgegen. Klar fragen wir schnell, was es mit einem dieser dreirädrigen Mopeds kostet. 300 Bath. Dann scheinen 200 ein guter Preis zu sein, also steigen wir in sein Auto ein und fahren los.

Unterwegs macht er sich ordentlich lustig über uns. Wie wir denn drauf wären. Auf 200 Bath hätte noch nie jemand heruntergehandelt. Selbst das klapprige Tuktuk kostet mehr und nun sitzen wir in einem Auto mit Ledersessel und Klimaanlage. Ja, wir sind selbst etwas stolz auf uns. Werden wie versprochen vor unser Hotel gefahren und steigen aus. Zum Abschied drückt er uns seine Visitenkarte in die Hand, falls wir einen Fahrer brauchen, wir sollen ihn anrufen. Oder vielleicht möchten wir ein paar Mädchen aufs Zimmer, er habe auch richtig junge Dinger. Wir bedanken uns artig und lehnen ab. Ich schaue auf seine Karte und lese seinen Namen: Mr. Kosal. Na wie lustig, fast hätten wir ihn in unsere Familie mit aufnehmen können.

Im Hotel werden wir fürstlich begrüßt. Mit strahlendem Lächeln werden wir eingecheckt, bekommen direkt zwei kalte Flaschen Wasser gereicht und man trägt uns sogar das Gepäck aufs Zimmer. Willkommen in Kambodscha! Wir legen uns aufs Bett und müssen erst mal kurz durchatmen. Ankommen. Verarbeiten. Uns einlassen. Überhaupt erst mal realisieren. Alles neu. Alles anders. Neue Sprache, neue Währung, neue Verhaltensregeln, neue Eindrücke. Und Rechtsverkehr. Jetzt, wo ich mich gerade so gut an den Linksverkehr gewöhnt habe.

Natürlich müssen wir raus. Uns zumindest kurz umsehen. Etwas Essen, denn unsere Mägen knurren bereits. An der Rezeption bekommen wir einen Ausdruck der Straßenkarte, es werden Kreuze für die Geldautomaten eingetragen, die beiden Nachtmärkte eingekreist und mit einem S der Supermarkt gekennzeichnet. Gewappnet marschieren wir los und landen direkt im ersten Restaurant. Also eher in eine Garküche, überdacht und mit Sitzplätzen. Wie suchen uns gebratene Nudeln aus der zweisprachigen Speisekarte aus und Minuten später schon stehen die Teller vor uns auf dem Tisch. Und tatsächlich. Im Vorfeld haben wir uns gefragt, ob sich das Essen wirklich unterscheiden wird. Und ja, es schmeckt ganz anders. Zumindest dieses, unser erstes Essen. Anders gewürzt, anders zubereitet, mit anderen Zutaten versehen. Kein Thaistyle. Und es schmeckt lecker. Dazu einen Plastikbecher Tee, den es hier wohl wie das Wasser in Thailand immer dazu gibt, und wir fangen langsam an anzukommen. Das kann man übrigens am besten, wenn man satt ist. Auch etwas, was wir in den letzten Wochen gelernt haben.

Es ist Mittagszeit und entsprechend heiß scheint die Sonne uns auf den Kopf. Also drehen wir nur eine kleine Runde zum Geldautomaten, zum Markt und wieder zurück. Doch irgendwie kommen wir mit dem Geldautomaten nicht zurecht. Er scheint nur Dollarscheine auszuspucken. Im Reiseführer haben wir gelesen, dass man in Westkambodscha sowohl mit thailändischen Bath, als auch mit Dollar oder Riel bezahlen kann. Wir wollen einheimische Riel haben, ganz klar. Als Touristen erkennt man uns schon genug am Äußeren, da müssen wir ja nicht noch extra mit Dollarscheinen wedeln. Also gehen wir doch die größere Runde, auf der Suche nach dem zweiten Geldautomaten.

Auch wenn wir nur wenige Kilometer von Thailand entfernt sind, es ist anders hier. Es fühlt sich anders an. Zumindest ist dies unser erster Eindruck. Die Straßen sind löchriger und mit viel Staub bedeckt, die Häuser wirken ein wenig verarmter, das Leben scheint hier noch etwas einfacher zu sein. Schwer zu beschreiben. Aber wir laufen wieder mit großen Augen umher und saugen alles auf, was nur irgendwie anders aussieht, riecht und schmeckt.

Der nächste Geldautomat hat auch keine Riel, also heben wir ein paar Dollar ab, denn ganz ohne Geld geht es ja auch nicht. Dann soll es wohl so sein. Neugierig gehen wir gleich noch schnell in den nächsten Supermarkt, denn da sieht man am besten die Unterschiede. Andere Produkte, andere Preise, andere Süßigkeiten. Und siehe da, alle Preise sind in Bath angeschrieben. Soso. Wir vergleichen und durchstöbern die Regale und stellen fest, dass es hier doch noch mal um einiges günstiger ist. Die Schachtel Zigaretten kostet keine 50 Cent, was mich innerlich sehr freut, denn schließlich ist das Zigarettengeld ja auch ein Posten auf unserer Ausgabenliste, unser Deo ist auch ein bisschen günstiger und ebenfalls die himmlisch süße Kondensmilch. Wir schnappen uns ein paar Sachen und gehen zur Kasse. 47 Bath. Ähm wie jetzt? Wir fragen, ob wir auch in Dollar zahlen können. 1,50 Dollar erscheint auf der Kasse. Alles klar. Wir reichen einen der druckfrischen 10-Dollar-Noten und bekommen als Wechselgeld einen 5-Dollar-Schein und 14.000 Riel zurück. Na wunderbar. Jetzt laufen wir hier mit drei Währungen durch die Gegend? So schnell können wir ja selbst mit dem Handy gar nicht ausrechnen, ob uns nicht jemand über den Tisch zieht. Wir sind verwirrt. Überfordert. Ich fange an zu lachen. Willkommen in Kambodscha!

Zurück im Hotel setzen wir uns auf den kleinen Gemeinschaftsbalkon und fangen an zu rechnen. Zählen die vielen verschiedenen Scheine, suchen im Internet nach den passenden Umrechnungskursen und rechnen. Irgendwie müssen wir ja den Überblick über unsere Ausgaben behalten.

Herrlich! Ich freu mich drauf. Neue Herausforderungen. Meine Neugierde ist geweckt. Wir einigen uns darauf, eine zweite Nacht hier zu bleiben, einfach um erst mal anzukommen, alles kennen zu lernen und uns zurecht zu finden. Dann gehen wir ins Zimmer, legen uns aufs Bett und schlafen ein.

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