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Während hinter mir der Verkehr braust und Busse beladen werden, schallt von vorn Tanzmusik. Eine Gruppe Frauen reißt im Takt die Arme auseinander und wieder zusammen. Daneben ist ein Netz gespannt und vier Männer spielen Badminton. Die aufgestellten Sportgeräte sind gerade gut gefragt. Einer nach dem anderen nutzt sie für die verschiedensten Übungen. Ich sitze im Park, es ist halb sieben in der Früh. Alle sind auf den Beinen. Die Grünflächen sind voll. Der Frühsport ist in vollem Gange.

Unser letzter entspannter Morgen in Vietnam. Morgen geht es mit dem Flieger nach Malaysia. Und irgendwie freue ich mich darauf. Auf einen Ortswechsel. Gute zwei Monate waren wir jetzt in Vietnam. Sind von oben nach unten gereist. Haben viel Neues gesehen, eine Menge erlebt, eine andere Kultur und einen anderen Schlag Menschen kennen gelernt.

Nach einem zweiten Anlauf haben wir uns mit Ho Chi Minh arrangiert. angefreundet wäre zu viel gesagt. Denn ins Herz haben wir diese Stadt nicht geschlossen. Uns fehlt das Flair. Der Verkehr und das Chaos ist allgegenwärtig. Der Geräuschpegel der Motorräder permanent im Ohr. Die Abgase in der Nase. Es fehlen die schönen Ecken, die all das weg machen. Etwas Idylle, etwas Schönes. Zumindest haben wir es nicht entdeckt.

Gestern sind wir in einen anderen Bezirk spaziert. Oder eher gelaufen. Denn spazieren ist für uns etwas anderes. Die Straßen sind voll, die Gehwege ebenso. Diese Stadt strengt wahnsinnig an. Nach knapp fünf Stunden sind wir völlig fertig mit den Nerven wieder im Hotel angekommen. Haben uns ins Bett gelegt und entspannt. Unser Ort der Ruhe.

Dann haben wir eine Tour gebucht, um uns die Tunnel anzusehen. Tunnel, in denen viele, viele Menschen während des Krieges lebten und Schutz fanden. Ein 200 Kilometer langes Netz an schmalen, niedrigen Gängen unter der Erde. Auf drei Etagen. Unvorstellbar. Leider ist davon kaum noch etwas zu sehen. Zumindest nicht auf dieser Tour. Es war eher ein Museum im Freien. Mit Videos und Puppen. Ein ganz kurzes Stück Tunnel haben sie gelassen, ausgebaut und für Touristen verbreitert. Dort sind wir dann im Gänsemarsch durch. Kein schönes Gefühl. In gebückter Haltung ging es Schritt für Schritt voran. Rechts, links, oben und unten nur Erde und Beton. Vor und hinter uns andere Touristen. Es war beklemmend. Kein Tageslicht, keine Frischluft. Mir zitterten die Knie. Es war wahnsinnig anstrengend. Denn nach jedem Schritt machte irgendwer ein Foto und die Gruppe musste stehen bleiben. Hocken bleiben. Ich konzentrierte mich auf meine Atmung, denn austicken war nicht. Platzangst. Panik. Mir war nicht wohl da unten. Und dort haben Menschen gelebt. In noch engeren Gängen. Es geht nicht in meinen Kopf.

Ansonsten war die Tour nichts für uns. Die Stimmung war einfach zu skurril. Von der einen Seite dröhnte laute Partymusik, von der anderen das ohrenbetäubende Knattern der Maschinengewehre. Für einen Dollar pro Schuss konnte man selbst mal Krieg spielen. Ziel war ein Sandhaufen. Und es wurde gespielt. Allein die Vorstellung ist für mich schon krank. Es zu erleben noch schlimmer. Sie gehen mit ihrer Geschichte anders um. Ist man in Deutschland beschämt und leise, fotografiert man sich hier mit den ausgestellten Puppen, klettert auf Panzer, auf Gräber und hat sichtlich Spaß. Die Kamera und der Selfiestick immer mit dabei. Ein Kriegsrummel mit Kaltgetränken und Popcorn. Es wurden Witze gemacht und voller Faszination die Folterinstrumente begutachtet. Alles wurde angefasst und ausprobiert. Schrecklich. Für uns. Eine andere Kultur. Nehmen wir Deutsche unsere Geschichte vielleicht einfach nur zu ernst? Mag sein. Aber mit dem Umgang der Vietnamesen kam ich jedenfalls nicht klar und war froh, wieder im Bus zurück zu sitzen.

Vietnam war toll, keine Frage. So anders als die bisher bereisten Länder. Andere Gewohnheiten, anderes Essen, eine andere Kultur. Die Tempel unterscheiden sich optisch und der Buddhismus ist deutlich weniger verbreitet. Wir haben nur sehr wenige Mönche gesehen. Und auch die Bevölkerung scheint den Buddhismus nicht so sehr zu leben wie in den Nachbarländern. Das spürt man. Sie sind hektischer. Nicht so gelassen.

Dennoch ist es ein tolles Land mit wunderschönen Landschaften. Wir waren in Großstädten unterwegs, sind durch grüne Reisfelder gewandert, haben den Dschungel kennengelernt, an leeren Sandstränden entspannt, sind mit einem Boot an riesigen Felsen vorbei und durch schwimmende Dörfer gefahren, durch Wüsten und Höhlen gelaufen und haben Zeit im Hochland verbracht. An Abwechslung hat es uns nicht gefehlt. Vietnam hat einiges zu bieten. Auch abseits der Touristenroute. Wo die Menschen einen neugierig beäugen, einen auf der Straße begrüßen und die Kinder einem zuwinken.

Und wir haben endlich unseren Kaffee gefunden. Gesehen, wo er wächst, wie er angebaut und verarbeitet wird. Und zubereitet. Mit Ei, Pudding und Joghurt. Kreise haben sich hier geschlossen. Wir haben den Mekong wieder gesehen und der Reisernte beigewohnt. In Thailand waren die Felder noch leer, in Laos konnten wir zusehen, wie sie bestückt wurden. In Vietnam wurde der Reis geschnitten und die Körner herausgeklopft. Die Schale entfernt und mit ihr Feuer geschürt. Der Reis selbst wurde verarbeitet, zu Puffreis, Fischfutter, Schnaps und Reispapier. Auch haben wir die Jahreszeiten des ewigen Sommers fast komplett durch. Sind in der Hitze aufgebrochen und hier in der Regenzeit angekommen. Haben den Zyklus der Früchte kennengelernt. Mit Mangos hat es in Bangkok angefangen. Ananas und Melone hatten Hochzeiten und nun sind es die Drachenfrüchte, die aufgetürmt zu Bergen auf den Märkten angeboten werden.

Und doch bleibt ein keiner Beigeschmack von Chaos und Ich-Bezogenheit. Würde man mich fragen, welches der bisher bereisten Länder ich nochmal besuchen möchte, Vietnam wäre wohl nicht dabei.

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