Ab auf die Insel

Ab auf die Insel

Da sitze ich nun, gerade erst aufgewacht und geduscht, in unserem neuen Frühstückscafé und genieße meinen ersten Kaffee, während Markus im Zimmer Sport treibt. Ein 90-Tage Programm. Streng nach Anleitung. Ach, wie ich ihn beneide. Aber ich kann mich nicht dazu aufraffen. Frühsport ist einfach nicht mein Ding. Aber muss ja auch nicht.

Ich bin müde. Nicht nur jetzt, kurz nach dem Aufstehen, sondern die letzten Tage schon. Nicht, dass ich die ganze Zeit schlafen könnte, es ist mehr eine Trägheit die mich überfallen hat. Das Funkeln in meinen Augen ist verschwunden, der Kopf ist leer. Ausgelaugt trifft es wahrscheinlich besser. Ist das die Reisemüdigkeit von der man immer wieder hört? Wäre ja kein Wunder, immerhin sind wir inzwischen über eineinhalb Monate unterwegs und voller Eindrücke. Irgendwann passt wohl einfach nichts mehr in den Kopf und er schaltet sich aus. Ganz automatisch. Deshalb haben wir beschlossen, hier auf der Insel erstmal Urlaub zu machen. Eine kurze Auszeit zu nehmen. Und zugegeben, diese Insel bietet sich dafür ja geradezu an mit dem Meer und den Sandstränden. Die Seele baumeln lassen und Energie tanken, bevor es anschließend nach Kambodscha geht.

Aber zurück zu Tak. Zweiter Tag, zweiter Anlauf. Ein schönes Städtchen mit wahnsinnig viel Potenzial. Welches entweder aufgrund der Nebensaison brach liegt, oder nicht wirklich genutzt wird. Überall wurden schöne Anlagen gebaut. Eine große begehbare Bühne auf dem Fluss, die wie ein Labyrinth aus Stegen gebaut wurde. Die ganz neu gemachte, schon über 200 Jahre alte Hängebrücke aus Holz. Der kleine Pavillon auf der Halbinsel inmitten eines großen Sees, der fast vollständig von Lotuspflanzen bedeckt ist. Ich habe noch nie so viele davon auf einem Haufen gesehen. Es muss gigantisch sein, wenn sie alle zugleich blühen. Es gibt sogar eine richtig gut gemachte Karte für Touristen mit allen Sehenswürdigkeiten und Ausflugsmöglichkeiten. Nur fehlt das Leben in allem. Kein Kulturprogramm am Fluss, kein Bootsverleih, um über den See zu rudern, kein Mopedverleih, um all die Sachen zu bewundern, die außerhalb liegen. Fast schade. Es ist die perfekte Stadt für einen Zwischenstopp auf einer Rundreise durch Thailand. Mit den Bergen drum herum und der Grenzstadt Mae Sot in der Nähe, die nach Myanmar einlädt. Aber vielleicht liegt es tatsächlich nur an der Nebensaison. Obwohl wir es nicht so recht glauben können, denn die winkenden Menschen sind wieder da. Man beäugt uns, beobachtet uns, lächelt, winkt und spricht uns an. Wir sind wieder die fremden Besucher aus der Ferne. Als unser Weg durch ein Schulgelände verlief, sprach uns sogar ein Mönch an. Winkte uns zu sich und fragte uns kurz aus, woher wir kommen und wohin wir gerade laufen. In einem der vielen Reiseberichte haben wir gelesen, dass die Mönche nicht selten gezielt die Konversation mit Ausländern suchen, um ihr Englisch zu schulen. Und genau so kam es uns auch vor. Er suchte immer wieder nach bestimmten Worten und hörte dann apruppt auf und verabschiedete sich. Da war sein Vokabular wahrscheinlich ausgeschöpft. Aber eine schöne Situation, erscheinen uns die Mönche doch immer noch so mystisch, so unantastbar.

Also haben wir uns ein paar schöne Tage in Tak gemacht, sind über den Markt geschlendert, haben eine neue Sorte Litschi gekostet, haben die schmale, verlassene Gasse mit den noch alten Holzhäusern besucht und Bekanntschaft mit drei älteren Frauen und ihrem Essensstand gemacht. Ganz bezaubernd warteten sie mit ihren vier verschiedenen Pad-Thai-Gerichten vor ihrem Wägelchen auf Kundschaft. Eine Portion für 10 Bath, etwas mehr als 25 Cent. Da fragt man sich doch, was sie an einem Tag wirklich verdienen. Und umso unangenehmer war es uns, als sie bemerkten, dass wir erfolglos auf der Suche nach einem Stand mit Getränken waren und uns beiden einen großen Becher Wasser hinstellten. Einfach so. Ohne dafür extra bezahlen zu müssen. Wobei müssen das falsche Wort ist, denn wir hätten es sehr, sehr gern getan. Doch als wir ihnen etwas Trinkgeld geben wollten, lehnten sie entschieden ab. Trotz bitten und betteln gab es keinen Weg, ihnen so unsere Dankbarkeit mitzuteilen. Aber das kannten wir ja schon. Und so sind wir einen Tag später trotz langem Fußmarsch wieder hin und haben wieder bei ihnen gegessen. Und sie haben sich so gefreut. Wir standen noch auf der gegenüberliegenden Straßenseite, da haben sie uns schon erkannt. Toll. Und natürlich gab es direkt wieder ein Wasser. Ja, da haben wir es wieder. Gib einer Stadt immer noch zweite Chance. Schau sie dir von einer anderen Seite an. Und lerne die Menschen kennen. Denn sie sind es, die den Aufenthalt oft zu einem kleinen Höhepunkt machen.

Mit dem TukTuk ging es dann wieder zurück zum Busbahnhof und weiter nach Bangkok. Der Süden rief. Und zwar so laut, dass wir, nach stundenlanger Fahrt in Bangkok angekommen, spontan den nächsten Bus nach Pattaya genommen haben. Ohne weiteren Plan, ohne Unterkunft, ohne überhaupt eine Ahnung, was uns dort erwartet. Hauptsache ans Wasser.

Es war bereits dunkel, als wir aus unserem Bus stiegen. Rucksäcke auf und los. Das nächstbeste Hotel suchen und dann schlafen. Doch wohin läuft man, wenn man keine Ahnung hat? Richtung Strand? Richtung Meer? Ja. Und wir liefen und liefen. Der Schweiß tropfte über meine Stirn, die Riemen des Rucksacks schnürten sich in meine Schultern. Und es war einfach kein geeignetes Hotel zu finden. Kein Wunder, denn wir befanden uns auf einmal mitten im Rotlichtviertel. Auf der Sexpartymeile. Mit unendlich vielen Unterkünften, die allerdings nur stundenweise vermietet wurden. Ein wirklich beschissenes Gefühl, leider nicht anders auszudrücken. Vollgeschwitzt und vollgepackt liefen wir an den aufreizend gekleideten Damen vorbei, an den vielen Bars, in denen die Männer den tanzenden Frauen an Stangen zusahen. Nein sie gafften. Oder ließen sich von ihnen umgarnen.

Nach einigen Pausen und vielen Kilometern sind wir wieder zurück gelaufen und haben eine der teureren Unterkünfte gebucht. Wir konnten einfach nicht mehr. Da war es schon fast egal, dass es kein Internet gab, was für uns gerade in dieser Situation wichtig war, denn wir mussten uns ja nach einer neuen Herberge für die nächste Nacht umsehen. Es spielte keine Rolle, dass das Zimmer ein Raucherzimmer und das die Toilette nur mit Badelatschen zu betreten war. Dass das Bett nicht bezogen und die Klimaanlage lauter war als eine Diskothek. Nur eine Nacht. Einfach nur schlafen. Augen zu und durch.

Markus, der Internetrechercheprofi, hat in einem Café mit W-Lan dann unsere neue Schlafmöglichkeit gefunden. Ein Traum! Statt einem Zimmer hatten wir gleich ein ganzes Apartment für uns. Mit Balkon, einer Sitzecke mit Couch, einem sauberen Badezimmer und mit Wasserkocher. Neuer Tag, neues Glück, neues Gesicht der Stadt. Wie schon so oft. Wir kauften uns Pulverkaffee und Teebeutel und die süße Kondensmilch, die wir am liebsten pur gelöffelt hätten. Und ich auch heimlich habe. Mein Morgen begann mit einem Kaffee auf dem Balkon und Markus hatte genug Platz für seinen Sport. Und das ganze zu einem Spottpreis. Wir mussten einfach verlängern.

Schnell stellten wir fest, dass wir mitten im Schwulenviertel gelandet sind. Gegenüber vom Balkon befand sich die Wohnung der Masseure des Salons darunter. Zu viert oder fünft wohnten sie dort, hängten morgens nur mit einem Handtuch bekleidet ihre Wäsche auf die Leine und schielten zu uns herüber, als sie bemerkt hatten, dass zwei Männer eingezogen sind. Das ganze Viertel war voller Massagesalons. Solche mit HappyEnd. Nur für Männer. Sehr witzig. Vor allem, als die davor sitzenden Jungs und „Halbjungs“ um uns buhlten. Uns laut hinterher riefen.

In Pattaya tauchten wir dann das erste Mal unsere Füße ins Meerwasser. Zum Baden war es dann doch zu voll und uns zu touristisch. Teilweise leider auch sehr abstoßend, als sich das Klischee wieder bestätigte und wir die typischen Sextouristen mit Kindern auf dem Schoß sahen. Stolz präsentierten sie ihren Kauf. Und es waren wirklich noch Kinder! Man möchte sich nicht ausmalen, was sie mit denen nachts anstellen. Ein ekelhaftes Bild, welches leider immer wieder zu sehen war.

Dagegen sehr amüsant war der Blick, den wir an der Uferpromenade erhaschten. Ein gestandener Bodybuilder, bepackt mit Muskeln, die aus seinem Tanktop hervorquollen, schlenderte mit einem Katoy im Arm die Straße entlang. Mit einem kleinen Kerl, mit großen Brüsten und als Frau zurecht gemacht. Ein so skurriles Bild. Herrlich! Leider hat man in solchen Momenten den Fotoapparat nicht zur Hand.

Pattaya. Die Stadt der Touristen. Der Pauschalurlauber. So jedenfalls kommt es uns hier vor. Wie Maspalomas auf Gran Canaria. Strandpromenaden, Souveniershops, Bars, Kneipen. Und mit einem Viertel der Nationalitäten. Es gibt eine französische Ecke, eine in der sich die Schweizer breit gemacht haben, das indische Viertel, das der Russen und natürlich auch ein deutsches Fleckchen. Vor den Geschäften sitzen die Männer und drin stehen ihre Thaifrauen. So wie man es sich vorstellt. Genauso wie es in „Goodbye Deutschland“ und den anderen Sendungen zu sehen ist. Sie alle haben sich hier versammelt und suchen ihr Glück in Thailand. Nur, ob sie es tatsächlich gefunden haben? Vielleicht.

Unsere Planung der Weiterreise schien mal wieder zu scheitern. Auf eine Insel sollte es gehen. Endlich im Meer baden. An Stränden herumhängen, unter Wasserfällen duschen und über Berge klettern. Unser Ziel war Koh Chang. Doch uns fehlte der Bus dorthin. An der Rezeption war man zwar sehr hilfsbereit und gab uns Auskunft, doch hatten wir keine Lust einen Bus hier in Pattaya auf der Straße anzuhalten, der uns dann in die nächste Stadt fährt, in dieser wir in einen anderen Bus nehmen müssten, der uns wiederum zur Fähre bringen würde. Einen Fahrplan? Fehlanzeige. Bekommen wir den Anschluss? Sitzen wir zwischendurch stundenlang wartend in der Sonne? Wann fährt die Fähre? Und dann? Nein, das war uns doch alles zu stressig und improvisiert. Also doch keine Insel? Wir versuchten es in einem der unzähligen Büros, die auf der Straße verteilt waren und Ausflüge und Taxifahrten aller Art anboten. Und siehe da, ein Minivan vom Hotel bis auf die Insel war gar nicht so teuer wie gedacht. Und so fuhren wir bequem in breiten Ledersesseln direkt zur Fähre und schipperten übers Wasser. Endlich. Insel. Urlaub.

Ich gebe zu, es mag komisch klingen das zu lesen. Von außen betrachtet. Aber wir sehen unser Abenteuer nicht als Langzeiturlaub. Wir reisen. Wir entdecken. Das Land und uns selbst. Wir saugen alles auf was wir vorgesetzt bekommen. Doch nun brauchen wir Zeit zum Verarbeiten. Zum Entspannen. Zum Sackenlassen. Immer wieder müssen wir unsere Erlebnisse im Kopf hin und her schieben, neu ordnen, um sie wiederzufinden. Wo haben wir noch mal diese leckeren Rotis mit Bananen gegessen? In welche Stadt waren die vielen Mücken, die sich im Dunkeln wie ein Vorhang um die helle Beleuchtung versammelt haben? Was für ein Wochentag ist heute eigentlich? Ein Wirrwarr im Kopf, das es zu entzetteln gilt. Also auf zum Strand. Ab ins Meer. Untertauchen und sich „freischwimmen“. Mit dem Moped die Straße entlang cruisen und den Wind durch den Kopf pusten lassen. Das ist unser Plan. Und damit beginnen wir jetzt. Nach dem Sport und der Schreibsession. Urlaub auf Koh Chang!

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2 Comments

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  1. „90-Tage-Programm“ Sport hört sich danach an, dass Markus Mark Lauren als Personaltrainer in Buchform im Gepäck mitgenommen hat. Gutes Gelingen beim Bewältigen der „Challenge“. Ich bin ein Fan von Körpergewichtsübungen!

    Grüße
    Marc

    • Markus & Felix

      6. Juni 2015 — 7:50

      Lach, gut erkannt. Also scheint das Buch ja ganz gut zu sein, wenn ein Profi wie du es gelesen hat. Und vielleicht wird Felix ja auch noch zum Liebhaber von Körpergewichtsübungen. Ein bisschen Zeit ist ja noch.
      Grüße nach Berlin!
      Felix und Markus

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